zuletzt erschienen:

"Wir werden ständig angewirt, weil man uns einfangen will, als Käufer, Wähler, Jasager"

in DIE ZEIT,

Nr. 26 vom 22. Juni 2017

Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Tageslicht 5

Besuch bei der Journalistenflotte

Wir schauen Kanzlerduell in der Bundespressekonferenz, cateringumsorgt, eine Rundfahrt, bei der man ziemlich unter sich ist. Na und? Müssen wir nicht hören. Vor der Theke ist ein Wassergraben. Wir kontrollieren alle fünf Minuten den Live-Ticker von Spiegel Online, um zu lesen, was wir nicht sehen und nicht hören. Da fällt einer ins Wasser. Zwischendurch Kurzschluss mit Kollegen. Das war gut. Das nicht. Dann wieder Spiegel Online. Wo ist der Weißwein? Da fällt schon wieder einer ins Wasser. Gib mir mehr Erdnüsse, Erdnüsse, Salzstangen. Hauptsache Salz. Also Durst. Wo ist der Weißwein? Wo bin ich? Ach hier. Mal schauen, was Spiegel Online meint. Ein Kollege. Jaja. Neinnein. Weiß nicht. Hab ich Post bekommen? Da fällt schon wieder jemand ins Wasser. Was sagt Spiegel Online? Und wo ist der Weißwein? Platsch. Bis morgen dann.

2. September 2013

 

 

Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen

Kleines dumpfes Geräusch in der Mitte einer Kreuzung von acht Fahrbahnen, etwas Immobiles dort, wo immer Fluss ist – also ein Blickfang. Auf dem Asphalt liegt ein Mann, sein Fahrrad neben ihm, dahinter ein breiter BMW. Drei Männer steigen aus dem Auto und sprechen mit dem Gestürzten, der schon wieder steht und seine Hose zurechtzurrt. Alle vier gehen an den Kreuzungsrand, auf einen Gehweg, der Verkehr fließt weiter und an ihnen vorbei, sie reden miteinander, als handelten sie etwas aus. Einer der drei besinnt sich des Autos und fährt es von der Kreuzung. Ein fremder Mann mischt sich in das Gespräch der Unfallpartner und wird von denen aus dem Auto beiseitegedrängt. Alles sieht irgendwie geübt aus, mehrmals trainiert und nun vollzogen: Der Fremde zieht ab, der Radfahrer will weiter und sich nicht länger bei seinem Sturz aufhalten, die drei aus dem Auto wollen weiter und verhindern, dass jemand Unbeteiligtes eingeschaltet wird. Nach wenigen Minuten haben beide Seiten sich geeinigt und den Hermannplatz verlassen.

 

Weiter, ins Parkhaus. Er stellt sie zur Rede. Sie sagt etwas, beantwortet aber, so scheint's, seine Frage nicht. Er schlägt ihr ins Gesicht. Sie hüpft zur Seite, entfernt sich ein paar Schritte von ihm. Er hinterher. Tritt mit dem Fuß in den Unterleib. Sie bleibt stehen. Er schlägt seinen Unterarm, Ellbogen voraus, in ihren Nacken. Sie rennt weg, er rennt hinterher, tritt ihr, wenn er sie nicht erreicht, mit dem Fuß in den Unterleib, rammt, wenn er ihr näher ist, seine Armbeuge in ihren Nacken. Sie wird laut und läuft um das Auto herum. Er hinterher. Er schafft es, sie in das Auto zu stopfen und die Tür zu schließen. Die Eltern der Geschwister packen währenddessen seelenruhig Waren aus dem Einkaufswagen in den Kofferraum. Sie tun, als sähen sie nichts oder als geschehe nichts Besonderes, schon gar nichts, was ihren Widerspruch verdiente. All dies begann, nachdem sie sich mit dem Telefon ein paar Schritte vom Auto entfernt hatte um sich mit jemandem zu unterhalten. 

21. August 2013

 

 

Nico

Seit Jahren weiß ich von dem kleinen Grabfeld mitten im Wald. Ich will mich, was die Orientierung betrifft, auf meine Sinne verlassen. Bis ich bemerke, dass ich mich verlaufen habe wie lange nicht mehr. Als ich meine Hoffnung, den Friedhof zu finden, aufgebe, höre ich einen anderen Vogelgesang als zuvor. Ich bin angekommen. Bekannt geworden ist mir der Waldfriedhof, weil Nico dort liegt, die mich mit ihren Liedern durch die frühen Jahre begleitet, manchmal gezogen hat. Aber wo ist ihre Ruhestätte? Als ich das Grabsteinfeld einmal umwandere, fällt mir eine friedhofferne Farbe in den Augenwinkeln auf. Ich sehe die Rückseite eines Grabsteins, auf dem eine Flasche Rotwein steht. Dem verwitterten Zustand des Etiketts nach zu urteilen, steht sie seit Jahren an dieser Stelle. Genau wie die Teelichtfassungen, in die neulich erst frische Lichter gelegt worden sind. Alt auch die Vase am Boden, frisch die roten Rosen darin. Alt das Schälchen aus Ton; frisch die kleinen Dinge in ihnen, Abziehbilder, Miniaturfiguren, zwei Knöpfe. Mir wird gesund kühl. Nach dem Andenken fällt mir draußen, vor dem Grabfeld, ein frischer Zettel auf dem schlammigen Boden auf. Darauf gezeichnet eine Wegbeschreibung zu Nicos Grab. Welche Liebe. Die Sängerin ist vor dreißig Jahren gestorben.

 

Auf dem Heimweg gedenke ich der vielen Musiker, die schon länger in der Erde liegen, gestorben gewissermaßen in Ausübung ihres Berufs, oder was sie dafür gehalten haben. Und gedenke all der anderen Flüchtlinge oder Soldaten der Freiheit: der Revolutionäre, Bombenschmeißer und Mörder, die im Kugelhagel oder im Gefängnis umgekommen sind. Derer, die all die Mittel und Mittelchen nahmen, die ihre Generation vorgekostet hat für die folgenden, und die einmal eines zuviel in sich hatten. Aber was war das, über das Vorkosten hinaus? Waren sie die Losgelassenen? Die ersten Opfer und Täter der ersten globalen Verführung? Und gedenke derer, die den spirituellen Weg gewählt haben bis zu ihrer Selbstauslöschung, verstorben oder quasi lebendig. Als sei es ihr Dienst gewesen, durch Hinausgehen und Übertreten die weiter außen liegenden Grenzen neu zu setzen für die nach ihnen folgenden.

 

Auch auf dem Heimweg verliere ich die Orientierung – bis ich von Westen her das Wasser, die Havel, rieche und von Norden her das Röhren auf der Heerstraße höre. Auf der ich die Freitagabendheere in die Stadt hineinrauschen sehe.

19. August 2013

 

Was haben sie wohl erlitten

Eine erbarmungswürdige bis erbärmliche Gestalt von Mann vor dem U-Bahnhof Nollendorfplatz, einen tragbaren Rekorder auf der linken Schulter, eine Mundharmonika in der rechten Hand, spielt darauf so zahnlos wie wild und bewegt sich, als würde er von bombastisch aus dem Gerät dröhnendem Sound angetrieben, aber man hört fast keine Musik – und viele der aus dem U-Bahnhof Strömenden lachen nicht nur, nein, breit lachen sie diesen Mann aus, nicht für seine Darbietung, sondern dafür, dass er der ist, der er ist.

 

Ein paar Schritte weiter bekommt ein Straßenfeger-Verkäufer in drohendem Ton zu hören, er sei der fünfte in zehn Minuten, der einen anquatsche, und als er weiterzieht, wird schallend über ihn, also lobend über den gelacht, der ihn barsch wegschickte.

 

Schrieb nicht neulich eine Schriftstellerin, Arme hätten heutzutage nicht einmal mehr die Würde der Armen? Auch sie zählt zu dem Pulk derer, die die Armen unverfroren auslachen. Zählt zu jenen, denen jeglicher Respekt abhanden gekommen ist. Denen, die Armut und Verkommenheit der Gebildeten verkörpern. Und den weniger Gebildeten und nicht oder noch nicht Armen mitteilen, wer oder was ausgelacht oder verachtet werden darf. Vor solchen Denkern darf's einen grausen.

28. Juni 2013

 

 

Nach all dem Stuss, den Schriftsteller im letzten Jahr von sich gegeben haben, wünscht man sich, wenn sie Druck haben, sollen sie Literatur machen und nicht erzählen, wir benötigten schärfere Blasphemiegesetze, wie der verrückte Mosebach. Andere ließen sich von Agenten anstacheln und erledigten die Arbeit der Verwertungs-Lobby; voll bei der eigenen Eitelkeit erwischt, verkündeten sie "Wir sind die Urheber", es waren hunderte. Anschließend unterschrieben die Ahnungslosen, wie immer, artig die ihnen vorgelegten Verträge ohne Einspruch oder Verhandlung. Und nun Tellkamp. Stakkatot in SPO-Sätzen, Literatur, da Vergangenheit, sei Zukunft, undsoweiter, Sie wissen ja schon, was ich meine, und deshalb müsse es den Klagenfurt-Wettbewerb weiterhin geben für alle Zeiten. So leicht darf man es Günter Grass nicht machen, die Position des sogenannten politischen Intellektuellen auszufüllen mitsamt den Tonnen an Widerspruch und Häme, die pflichtgemäß geliefert werden und die diese Position erst festigen. Der Alte zeigt ihnen immer noch, wie es geht: Bringt jetzt ein 500-Seiten-Buch heraus mit allen Reaktionen auf sein bescheuertes Zwei-Dutzend-Zeilen-Israel-Gedicht.

21. Juni 2013

 

 

Am Sonntagmorgen sitzen die Männer zwischen ihren kraftlos ausgeführten Übungen auf den Trainingsgeräten und schauen traurig, verloren vor sich hin, da hin, wo nichts ist, und leer sind ihre Gesichter. Oder gibt es in diesen Gesichtern mit dem fernen Blick eine Schönheit? Die Schönheit des auf sich selbst zurück Geworfenen, der seine Rolle verloren und eine neue noch nicht gefunden hat? Schönheit seelischen Transitbereichs, Schönheit des Nirgendwo? Was haben sie wohl erlitten. So weit ich sehe, würden Frauen der Gegenwart sich solch eine Haltung in der Öffentlichkeit nicht gestatten. Vor langer Zeit war es genau andersrum. Und es entstanden sehr schöne Filme über einsame Frauen, die Stück für Stück Kraft und Zuversicht gewinnen. Müssen solche Filme nun für männliche Hauptrollen geschrieben werden?

15. Juni 2013

 

 

Zwei junge Frauen unterhalten sich beim Warten an der Kaufhauskasse über ihre Freunde. Die eine: "Der kauft sich nur was, wenn er was braucht. Versteh' ich überhaupt nicht."

8. Juni 2013

 

 

Weh und Wut und Wohl

Aus dem Gerstenkorn hat sich eine Augenlidentzündung entwickelt. Die Salbe nützt nichts mehr. Samstagmorgen, ich fahre ins Krankenhaus in die Rettungsstelle, um das Wochenende zu überstehen. Mein Mal hat mich wütend werden lassen, ich wurde ungnädig und ungerecht im Alltagsverkehr. Ich kam mir bescheuert vor, mit Sonnenbrille im Halbdunkel durch die Straßen gehend, und ich habe kaum etwas gesehen. Meine Gegenüber schauten mich kurz an und schauten weg. Ich blieb zu Hause.

 

An diesem Samstagmorgen zeige ich mich wieder. Vor dem Krankenhaus nehme ich die Sonnenbrille ab. Die Rettungsstelle ist noch leer, es ist früh. Den anderen sieht man nichts an, mir sieht man sofort etwas an. Ein Drittel meiner rechten Wange ist rot unterlaufen. Ich habe keine Schmerzen. Alle paar Minuten tragen Feuerwehrleute frisch Gerettete hinein, einige am Tropf und mit Halskrause. Andere sind selbst zu Fuß. So der eine, der was auf den Mund bekommen hat und dort blutet. So auch der andere, der ein blutbeflecktes Hemd trägt, dem selbst aber nichts anzusehen ist. Seine Freunde der Nacht verabschieden ihn. Eine Wolke ausgeatmeten Alkohols umgibt sie. Es geht sachlich zu auf der Rettungsstelle. Es ist nicht der Ort für Emotionen. Es ist der Ort nach den Emotionen.

 

Mein Wehwehchen hat mich unzufrieden gemacht. Aber als ich einmal sehr krank war, hat es für Wut nicht gereicht. Je lebensbedrohender dein Weh, desto gefasster nimmst du es hin. Damals war ich in demselben Krankenhaus. Man kennt hier bereits meine Telefonnummer und die Bezugsperson, die im Fall des Falles benachrichtigt wird. Ich erkenne Orte wieder, an denen ich mich aufgehalten hatte.

 

Wenige Tage nach der Operation saß ich in derselben Eingangshalle, durch die ich an diesem Samstagmorgen das Haus betrete, und las Zeitung. Ich war noch angeschlossen an eine Schmerzpumpe, die alle paar Sekunden einen Tropfen in meine Blutbahn schickte. Ich erkannte die Wachschwester wieder, die mich angesprochen hatte, als die Narkose nachließ, auch sie erkannte mich wieder. Ich stand auf und gab ihr die Hand. Es war mir wichtig, aufzustehen und ihr die Hand zu geben. Während wir uns kurz unterhielten, dachte ich, jetzt kippe ich um, mein Kreislauf legt mich nieder. Ich wollte, dass sie sieht, wie gut es mir geht. Sie sagte, ich sehe gut aus.

 

In den Tagen nach der Operation war ich ein glücklicher Mensch. Ich hätte auch gestorben sein können. Ich hätte gelähmt sein können durch die riskante Betäubung nah am Rückenmark. Ich wusste, es reicht, das Leben zu lieben, um ein glücklicher Mensch zu sein. Wenn du sterben könntest, willst du nur leben, alles andere ist nicht wichtig.

 

In dem Laden, wo ich eine Flasche Wasser kaufe, hatte ich die Zeitung besorgt. Im Café gegenüber hatte ich gesessen und Menschen angeschaut, was mich, allein weil es möglich war, sofort glücklich machte. An derselben Stelle des langen Gangs verlaufe ich mich wieder. Ich komme an dem Fahrstuhl vorbei, der mich zurück zur Station brachte, wenn mein Ausflug in die Eingangshalle und meine Lesestunde beendet waren. Ich lese Computertomographie. Ich lese Kapelle. An den Wänden entdecke ich die Schalter wieder, mit denen man die Türen öffnet.

 

Als ich im zweiten Warteraum sitze, spüre ich die Dankbarkeit von damals wieder und denke, Auge und Wange sehen schrecklich aus. Aber Kranksein ist etwas anderes. Und lächle.

2. Juni 2013

 

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