Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Tageslicht 2

Cale

Ich verstehe den Reflex, wenn John Cale im Interview, angenehmerweise nur nebenbei, sagt, die vielen Drogen früher hätten nicht sein müssen, erst nach dem Drogennehmen sei er fähig gewesen, gut zu arbeiten. Ich verstehe, dass man, älter geworden, nicht mehr recht versteht, wie man sich derart mit allem möglichen Zeug und fast pausenlos zuballern konnte. Aber kann es nicht sein, dass die Grundlagen des späteren guten Arbeitens, dass die anfängliche Vorentscheidung und spätere Sicherheit, auf welchem Feld man sich bewegt und auf welchem nicht, genau in diesen frühen Jahren geschaffen wurden, als man von morgens bis morgens drauf war und die Drogen dazu verhalfen, diese ordentliche Welt und auch Vorstellungswelt, in der man groß geworden war und in die man ja mehr oder weniger hineingelebt wurde, als ungenügend abzulehnen und zu überwinden und etwas anderes zu probieren und für sich durchzusetzen? Natürlich erlebt jeder ständige Drogennehmer den Punkt, an dem die Droge sich gegen ihn richtet. Das heißt nicht, dass sie sich am Anfang gegen ihn gerichtet hat. Am Anfang ist die Droge ein fantastisches Mittel, um die Behauptung, die Welt sei so wie sie ist, elegant und genussvoll zu vergessen und sie den anderen zu überlassen, die Angst vor Entdeckungsreisen haben. Eher ist doch zu vermuten, dass John Cale nie John Cale geworden wäre, wenn es ihn nicht zu den Leuten und Freunden hingezogen hätte, die genug hatten vom Bestehenden, von der sogenannten Wirklichkeit, und die sich in den Kopf gesetzt hatten, eine andere Wirklichkeit zu bauen, wenigstens für sich selbst, und da sie sich für die Kunst entschieden hatten, auch für andere. Dass man am Ende nicht alles erreicht hat, was man an Flausen im Kopf hatte, das ist ja wohl eher ein Glück. Es stimmt also etwas nicht an der Attitüde, hätte ich früher dies oder das nicht getan, ginge es mir besser. Es stimmt vor allem nicht bei Leuten, die erfolgreich sind oder zumindest ihr Ding gemacht haben. Man ist jung, man ist verliebt und dann nicht mehr, und dann ist man wieder verliebt und dann nicht mehr. Deswegen hat man nicht schlecht oder falsch geliebt oder etwas versäumt. Im Gegenteil. Versäumt hätte man vielleicht etwas, wenn man sich nie getraut hätte. Und John Cale kann man inzwischen zum 70.Geburtstag gratulieren. Glückwunsch!

 

22.September 2012

 

Versauter Vormittag

Kampfeinsatz

Das Modell Eisbecher: Vom Fußballen aufwärts wird gelitten: Kniegelenke, Becken, Hüfte, Rücken, Schultern, Nacken. Zackig führen Kopf und Mähne alle falschen Befehle aus, die das mörderische Schuhwerk erlässt: Zum Ausgleich muss das Becken vorgepresst, das Kreuz durchgedrückt sein. Der Befehl an den Nacken lautet, mit jedem Schrittchen vor- und zurückzuwackeln, um der Figur in Form eines Fragezeichens Stabilität zu verleihen. Der Kopf dann, am Ende der Befehlskette, hält, was nicht zu halten ist: Kein Versprechen. Eine Frau in zu hohen Heels - erotisch wie ein Stringtanga tragender Mann.

 

24.August 2012

Container

Von morgens bis abends nationales Fernsehen von den Olympischen Spielen, ich meine nationalistisches Fernsehen. Im Moment Hochsprung der Männer, Hammerwerfen der Männer, nichts davon im Staatsfernsehen, denn es nimmt kein Deutscher teil. Stattdessen Vorschauen auf die kommenden Höhepunkte, dann Interviews mit im Vorlauf ausgeschiedenen deutschen Läufern. Auch im Netz-Livestream des ZDF kein "Vollprogramm", zum Beispiel keine Leichtathletik heute abend, obwohl seit zwei Stunden Leichtathletik stattfindet. Das Staatsfernsehen, von Bürgern finanziert, verweigert sich den Bürgern. Immerhin deutet alles darauf hin, dass der 100-Meter-Endlauf heute abend, obwohl kein Deutscher dabei ist, live übertragen wird. Was bleibt? Andere Livestreams anschauen, Streams ohne deutschnationalen Container-Blick, die zeigen, was jetzt in London passiert. Nationalistisches Fernsehen von morgens bis abends, und moralisches Thema des Tages im selben Kanal ist das Vergehen einer deutschen Ruderin, die im Hoffnungslauf ausgeschieden ist: Sie hat einen Freund, der in der NPD war.

 

4. August 2012

 

Wetterwechsel

Sie sprechen über den gemeinsamen Haushalt, das Erledigen und Achtgeben, das Notwendige und die Pläne – offenbar herrscht Arbeitsteilung. Sie erinnert ihn an ein Telephonat, das zu führen ist, er erinnert sie an etwas anderes. Die Stimmen sind hoch, es sind Stimmchen, die Luft steht still. Anderes Thema, andere Stimmlage: noch höher. Er auf eine weitere Erinnerung ihrerseits: Ich bin da ganz entspannt. Sie: Sie sei in dieser Sache auch ganz entspannt, Pause. Die Luft setzt aus. Dann andere Themen, andere Menschen. Die Stimmen der beiden werden natürlicher und tiefer, und als man sich herzhaft über irgendwen lustig machen kann, werden sie fast abgrundtief dunkel, abgerundet durch zwei lange wohlig-dreckige Lacher.

 

8. Juli 2012

 

Die Leyendecker-Linie

Es laufen Leute herum, die haben Verschwörungstheorien im Kopf – und die Juden hatten doch selber Schuld, und 9/11 war von der amerikanischen Regierung inszeniert undsoweiter –, aber es laufen noch mehr Leute herum, die, wenn du einer gängigen Denkregelung widersprichst, dich bezichtigen, du seiest einer Verschwörungstheorie auf den Leim gegangen. Das darf sich keiner leisten. Also: Beschäftige dich mit der Realität, wie sie dir vorerzählt wird, und zweifle nicht daran, du könntest lächerlich wirken. Also: Hör auf, selbständig zu denken. Also: Wer eigene Gedanken formuliert, ist lächerlich. Willkommen im Gleichschritt. Ich nenne das die Leyendecker-Linie.

 

Hans Leyendecker ist ohne Zweifel ein herausragender Journalist, der den einen oder anderen Skandal aufgedeckt hat. Eines darf ihm allerdings nie passieren: auf eine Verschwörungstheorie hereinzufallen. Dann wäre sein guter Ruf ruiniert. Also ist er seltsam zurückhaltend, aufgedeckte Missstände einer Verantwortung zuzuordnen. Er spricht dann gern von Chaos, Dilettantismus oder Schlamperei.

 

Im Moment stellt er beim Verfassungsschutzskandal ein "handwerkliches Dilettieren so vieler Behörden" fest. Er meint die Vernichtung von NSU-Akten in jenen Tagen, nachdem die Existenz der NSU bekannt wird und ihr mehrere Morde zugeordnet werden. Leyendeckers Zurückhaltung hat den Vorteil, dass er keiner Verschwörungstheorie auf den Leim gehen kann. Der Nachteil, den er sicherlich nicht als solchen empfindet, besteht in der eigenen Denk-Verweigerung. Das ist die Leyendecker-Linie. Überschreiten verboten. Und wie viele sich freiwillig daran halten!

 

Als Mitglieder der NSU-Untersuchungsausschüsse die Vermutung äußern, Beate Zschäpe habe auf der Gehaltsliste des Verfassungsschutzes gestanden, wird immerhin einmal öffentlich eine Verbandelung von NSU und Verfassungsschutz zur Sprache gebracht. Aber zwölf Stunden später tritt wieder die Leyendecker-Linie in kraft, indem der Innenminister Friedrich sagt, das sei eine Falschmeldung. Der Innenminister! Was weiß der denn? Trotzdem ist sofort Ruhe und das Thema durch. Die Medien machen mit. Im ähnlichen Denkgleichschritt wurde über zehn Jahre nie die Frage gestellt, ob Rechtsextremisten Interesse an Morden an türkischen Geschäftsleuten haben könnten.

 

7. Juli 2012

 

Balotelli

Nach dem 2:0 gegen Deutschland steht der Italiener Mario Balotelli nur starr und ernst auf einem Fleck. Vor dem Becken ballt er die Fäuste.

 

Stand da vielleicht nur eine Projektionsfläche im Stadion? Der Torjubel eines dunkelhäutigen 21-jährigen Italieners ghanaischer Abstammung, der vom dritten Lebensjahr an in Norditalien aufwächst, beschäftigt das Feuilleton, hier muss Unerhörtes geschehen sein.

 

Der Spiegel fragt zwei Verhaltensforscher, ob die Art des Jubelns angeboren ist oder nicht. Versuche mit Blinden, die noch nie jemanden jubeln sahen, hätten gezeigt, dass sie es genauso tun wie Sehende. Aha.

 

Die Süddeutsche Zeitung ordnet die Pose unter Kunstgeschichte ein und liefert eine Bildbeschreibung. Balotelli habe nicht nur in der Bodybuilder-Pose "Front Relaxed" geruht. Nein, der Oberkörper stellt sich dar "mit dem Kopf an der Spitze, der Leiste mit den geballten Fäusten am unteren Ende und den Schultern als Außenkanten". Der Betrachter sehe "eine absolut symmetrische Rhomben-Pose, deren senkrecht aufeinander stehende Diagonalen sich ungefähr in der Höhe des Solar Plexus halbieren". Vorbild für Balotellis "figura serpentinata" sei Michelangelos Skulptur "Genius des Sieges". Moderne Wiedergänger dieser Figur gebe es in Filmen von Ridley Scott und Clint Eastwood.

 

Man kann auch ohne jeden Umweg auf Gefühle, Vorurteile und Ressentiments seiner Leser zielen. Die Welt hat einen "Ein-Mann-Aufstand" eines "Anarchisten" gesehen, Balotelli habe "mit der Welt eine Rechnung offen", seine Frisur sei "eine Kriegserklärung", seine Tore schoss oder köpfte er nicht, er "wütete" sie ins Tor des "wunderbaren deutschen Teams", das "mit zarter, zum Teil knabenhafter Athletik" dahergekommen sei. Balotelli dagegen nutze seine Chancen mit "giftiger Entschlossenheit und einem Ehrgeiz, der sich nicht für die Kategorien bürgerlichen Anstands und europäischer Manieren interessiert", er zeige "seinem verhassten Gegenspieler 90 Minuten die Zunge".

 

Man sollte sowas einfach beim Namen nennen: das ist purer Rassismus. Rassismus hat einen Bruder, der heißt positiver Rassismus. Im Weltbild des Rassisten sind Menschen anderer Hautfarbe minderwertig. Auch im Weltbild des positiven Rassismus sind Menschen anderer Hautfarbe etwas Besonderes, nur werden sie bevorzugt. Beides sind Ideologien der Ungleichheit. Sie halten sich nicht lange bei der Wirklichkeit auf, sie bedienen das Ressentiment.

 

Für positiven Rassismus ist bei uns traditionell die Taz zuständig. Balotellis Jubel sei die "Geste eines stolzen Sklaven. Er wendet sich nicht ans Publikum, sondern, wie Miles Davis während seiner schönsten Soli, von ihm ab", lese ich da. Miles Davis konnte sich auf einer Bühne immer gut wegdrehen, für einen Sportler ist das auf dem Stadionrasen einfach nicht möglich, die Leute sitzen ja im Oval um ihn herum. Aber was kümmert mich die Wirklichkeit, wenn ich eine Ideologie habe. Weiter heißt es, Balotelli habe die Tore nicht für Italien geschossen, sondern für sich selbst, er habe ja vorher das Trikot von sich geworfen, schließlich habe er erst mit 18 Jahren einen Pass in Italien beantragen dürfen. Die Wirklichkeit aber geht so: Balotelli wurde von seinen ghanaischen Eltern nicht zur Adoption freigegeben und konnte deshalb erst mit 18 Italiener werden. Aber die Wirklichkeit steht dem Ressentiment meistens nur im Weg. Dafür weiß die Taz, dass Balotelli "in seiner Geste die Geschichte des doppelten Rassismus in Italien und seine Haltung dazu festgehalten hat".

 

Und jetzt kapiere ich: Hier ist wirklich Unerhörtes geschehen. Der Jubel eines Fußballers legt das Eingeständnis frei, dass ein Mensch anderer Hautfarbe, der nicht zu Boden schaut, hierzulande unter besonderer Beobachtung steht. Es darf da einfach kein 21jähriges Fußballtalent auf dem Rasen stehen, es muss eine Projektionsfläche für nationale und rassische Phantasien sein. Ich gehe duschen.

 

3. Juli 2012 

 

 

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