Tageslicht 15

Hallo Regensburg!

Warum sehe ich mich doppelt, wer hatte diese blöde Idee? Wir brauchen solche Bilder, alter Sack. Er trägt seinen Dreireiher von einer Seite zur anderen. Nach dem Refrain muss er rüber zur Saxofonistin, das ist Regie. Sie ist jünger als deine Töchter. Früher war hinter ihm die bunte Leinwand, jetzt sind rechts und links zwei weitere. Ab dreißigtausend geht das nicht anders, sagt Heiner. Dass Sie nie Ihre Texte vergessen, bei den vielen Liedern! Sie sind Teil von mir, wie Fingernägel. Das war in dieser Radiosendung, Fragen der Fans. Niemand sagt mehr Strophe. Vörs, wenn ich das schon höre, schreiben deutsches Zeug und sagen immerzu vörs. Wir brauchen den alten Sack doppelt und dreifach, und wir brauchen die junge Saxofonistin doppelt und dreifach. Herr Leander, Sie sind ein Teil von mir, wie meine Wimpern, sagte die Frau in der Sendung. Die war achtzig, zweite Generation deiner Fans, die erste lebt nicht mehr, das schafft sonst niemand, sagt Heiner. Gleich wirds dunkel, die Bridge kommt. Später am Abend sagt Heiner manchmal, Du schaffst sie alle. Früher ist Niko an dieser Stelle auf die Knie gefallen, später sank ein Knie auf den Boden, jetzt stellt er ein Bein aufs Podest des Drummers. Vor der fünften oder sechsten Generation meiner Fans setz ich mich an dieser Stelle hin. Ich versteh euch nicht! Niemand da, der mir Zeilen wie diese schreibt. Fünf Silben, würde für einen Kurzatmer wie mich passen. Wie alt ist diese Nummer eigentlich? Das war im Tschernobyl-Jahr, Schuhe vor den Türen, verbotene Pilze, und sie schoss in nullkommanichts auf Platz eins. Hallo Regensburg! Meine Stimme ist wie meine Fingernägel. Pflegen und hegen, schön und gut, aber das Rissige und Brüchige, das Schiefe kommt näher. Du musst zu dir stehen. Ich steh zu meinem Dreiteiler. Ich bin kein Schlagerrentner in Slim-Fit-Jeans und Muscle-Shirt, die Rolle spielen andere, besetzter Charakter. Ich komme mit Manschettenknöpfen. Ich sehe absolut nüchtern aus. Der Drogenkonsum meiner Fans ist mit mir nicht abgestimmt. Ich geb euch diesen hier, ihr macht euren da, zusammen sind wir schön. Das Leben ist einfach. Hallo Magdeburg! Ich stehe dazu, dass ich nicht tanzen kann. Es ist den Leuten egal, vielleicht stehen sie sogar darauf, dass ich nicht rumhample wie die anderen. Sie stehen darauf, dass die Kerle in der Band so alt sind wie du, sagt Heiner. Ich weiß es nicht. Er weiß es nicht. Sie stehen auf irgendwas, aber richtig. Heiner sagt, sie stehen auf all das, was hier fehlt, dieses schreiend Jugendliche alter Säcke. Der Arsch wird flach, ihr Slim-fit-Helden, auch wenn ihr ihn unters Messer legt. Hallo Rostock! Er steht dazu, dass er steife Hüften hat. Ich geb euch den Normalo, und ihr wollt auch nur normal betrunken und glücklich sein. Vielleicht ist es das. Wir wollen gar nichts weiter, allesamt, wir müssen das nur mal zulassen. Er findet diesen Schlussrefrain, neunmal wiederholt, viel zu lang. Schau sie dir an: Sie kriegen nicht genug davon. Ich versteh euch nicht! Nächstes Mal zwölf Wiederholungen, schlägt Heiner vor. Widerspruch vom Bandleader. Ich halte mich da raus. Die beiden mendeln das immer gut hin, die Zahlen stimmen jedenfalls, wir sind für eineinhalb Jahre ausverkauft, Heiner findet, das ist nicht viel. Zwei Herzen steht auf der Liste. Er hat sich lange dagegen gewehrt. Zu persönlich. Ich singe zwar oft ich, aber ich singe nicht von mir. Das musst du jetzt machen, hat Heiner gesagt, die Leute gehen auf die Knie, ich schwörs. Der Bandleader hat sich rausgehalten. Wir haben es zur Probe aufgenommen. Wir haben es zur Probe mal gespielt, in Remscheid. Zippo würde uns sponsorn, wenn sie das sehen. Heiner hat angerufen, sie wollen nicht. Ich sag mir immer, ist nur ein Liebeslied, zwei Herzen eben. Aber die Leute wissen Bescheid, in einer Minute fangen die ersten zu heulen an, ich schau nicht hin. Aber schau ich nicht hin, sehe ich die Leinwände rechts und links, und da sehe ich sie heulen. Auch noch in Großaufnahme. Wir brauchen diese Bilder, sagt Heiner. Er schaut nicht mehr hin. Wo sind die hellen Anzüge? Hallo Regensburg! Wir haben Anfragen, sagt Heiner seit Tagen. Daran, wie oft er sich wiederholen muss, merkt er, wie hart der Knochen ist, den er knacken will. Wenn wir Rostock durchhaben und die Tour eine Nacht lang abschließen, wird er die Antwort hören. Sind wir nicht für zwei Jahre ausgebucht, wird Heiner nervös. Er hat sich an drei Jahreskalender gewöhnt. Wenn er nur noch zwei benötigt, geht es los, bei einem dreht er langsam durch. Ich habe mich daran gewöhnt. Er wird eine Antwort hören, die er noch nicht kennt. Du wartest bis Rostock. Erst Magdeburg, dann Rostock. Hallo Regensburg! Keine Ansage vor Zwei Herzen, einfach Licht aus. Niko hört dem Wiedererkennen zu. Vier Takte, dann wissen sie Bescheid, vier Takte, und sie schnippen an Feuerzeugen. Nimm einen Schluck, zwei Drittel ohne Kohlensäure, ein Drittel Medium, jeden Abend. Schau auf deine Schuhspitzen. Noch einen Schluck. Schau an die Decke, die ausglimmenden Scheinwerfer. Eins, zwei, drei, vier, und schon gehts los. Eine Funzel über ihm. Fast dunkle Leinwände. Früher zwang ich mich, bei der Nummer nicht an mich zu denken, Ergebnis war das Gegenteil. Jetzt denkt er gar nichts mehr, heilige Routine. Aber jetzt fällt ihm ein, dass er nicht mehr dunkle, auch nicht graue, sondern helle Anzüge tragen will. Das eine Herz verlässt dich, das andere wartet schon, du bist nie allein, die Liebe geht zuletzt, das Leben ist schön, in der Art. Seitdem nie wieder einen Text geschrieben, nie wieder einen vörs, kourus, pri-kourus und Co. Für alle Zeit. Heiner wird sich an dem Knochen verbeißen. Anderthalb Jahre noch, dann Luftholen, kann anfragen, wer will. Wer bin ich? Ich versteh euch nicht! Ein paar Monate aufs Meer schauen. Himmel und Meer, essen und schlafen, trinken, lachen, Sonne, Nacht und Sonne, so ungefähr. Hört man Zwei Herzen als Liebeslied, ist ja das Irre, dass es so langsam wie ein Trauersong ist. Das funktioniert nicht, sagte Heiner, das ist nur ungewohnt, sagte Niko, wir probieren es in Remscheid, Heiner wollte nicht, aber Remscheid sagte ja. Mit Remscheid hatten sie gute Erfahrungen, der erste Auftritt nach der langen Pause fand in Remscheid statt. Nie wieder in Remscheid gewesen. Ich denke an nichts, so gehts am besten. Morgen Wiederholungskonzert. An dieser Stelle, Beginn der britsch, kann er sie atmen hören, und sie wissen es, und sie wissen, dass ich es weiß. Solche Momente. Bei jedem gigg diese zwei drei Sekunden, die Aufwand und Arbeit belohnen. Wenn wir zusammen sind, Leute, wenn die zwölf Typen hinter mir Pause haben, wenn Ruhe ist. Die hellen Anzüge müssen her, Heiner. Ich liebe sie alle, und ich will meine Ruhe haben. Und helle Anzüge.

 15. August 2020

 

 

 

Abstand und Anstand. Angehaltene Welt

 

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Das dem Begriff Respekt innewohnende Berücksichtigen (respectus) wurde in den letzten Jahren oft im Sinne eines Heruntersehens angewandt. Alltag im neoliberalen Autoritarismus verrät selbst in kleinsten Splittern sein Mantra: Ich habe mehr, ich komme weiter, kaufe selbst Unkäufliches. Mein Besitz ist mein Panzer. Oder "Unterm Strich zähl‘ ich" (Postbank). "Ich habe Respekt vor A." hieß in dieser eben mal angehaltenen Welt so viel wie: "Ich habe nichts mit A. zu tun. So soll es bleiben." Die smarte Variante des "Ich schau auf dich hinab". Die Adult-Version des kleinkindlichen "Erster!"

 

Den Atem Wartender im Nacken zu spüren, mit dieser Nötigung zur Hetze ist es fürs Erste vorbei. Zwei Flüge mit deutschen Touristen werden in Teneriffa Süd gleichzeitig abgefertigt, die Schlange ist länger als man gucken kann. Auch weil alle in vorgeschriebenem Abstand hintereinander stehen und sich in Ruhe lassen. Ich trete aus dem Geschäft, eine Frau auf dem Gehweg bleibt stehen. Ich ebenso. Gebe ihr Zeichen, dass sie den Vortritt hat. Lächeln. Ich trete aus einem Waldweg auf den Hauptweg, von rechts und links Leute. Ich warte. Lächeln. In Berlin.

 

Die aktuelle, schnellerneuerte Variante des Begriffs Respekt nähert sich wieder dem respectus, dem Berücksichtigen. Wir respektieren uns, denn wir haben mehr Gemeinsames als Trennendes. Die Sorge um unser Leben, ums Überleben. Wir haben Anstand, denn wir halten Abstand. Vor dem Virus sind wir gleich. Die Lehre des Virus lautet: Wir sind gleich verletzbar.

 

Ich mache mir nicht vor, dass es dabei bleiben wird. Der Sinn für abgestimmtes Miteinander in kleinsten Alltagssequenzen wird schwinden, sobald die Maschine wieder Fahrt aufnimmt. Gute Vorsätze werden ins Vergessen sacken. Niemand wird auf Gedanken kommen, Bäckerei- oder Supermarktangestellte seien systemrelevant. Aber noch ist dieser Moment bestens geeignet, jene Floskeln auszumisten, die der neoliberale Autoritarismus uns in die Hirne gesetzt hat.

 

 

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Rechte Zeit, Sprachreste des Wirtschaftsautoritarismus auszumustern, da sie vorerst nicht benötigt werden. "Auf Augenhöhe" sagte man gern, um Gleichheit oder Ähnlichkeit zu bezeichnen. Gleichheit des Wissens, der Urteilskraft, einer Fähigkeit. Mit jemandem auf Augenhöhe war mehr möglich, verstand man sich besser als mit – es gab kein Gegenteil dazu. Annähernde Gleichheit gilt in der Casting-Gesellschaft als Ausnahme. Auf sie wird extra hingewiesen. Unter der Hand meint die Augenhöhe auch so etwas wie "mir würdig, mir angemessen". A propos "würdig": Wie oft las ich, jemand sei einer Sache würdig. Immer unbelichtet dabei, wer das sagt, wer Würde zuteilt.

 

Da keine Sportereignisse mehr stattfinden, ist nichts zu hören von Top-Ereignissen mit Top-Akteuren oder Top-Stars, die Top-Events bedienen, mit Top-Einschaltquoten. Zur Zeit macht jeder nur sein Ding.

 

Früher manchmal die Frage, wie diese Welt aussähe, wenn der neoliberal-autoritäre Wahnsinn Pause machte. Heute Teile einer Antwort. Seit Teilnehmer zwei Meter auseinander sitzen, sind Talkshows Gesprächsrunden. Der Ernst des einzigen Themas tut den Rest. Bis neulich saßen da Lautsprecher nebeneinander, Ausgangsmodule, die ihr Eingangsmodul, das Mikro, allein zum Reizempfang benötigten, die die Lautsprecherfunktion aktivierte. Auf den Applaus des Studiopublikums hin gesprochen. Auch das ist nicht mehr da.

 

Die heilige Welt des Konsums wird kurzerhand für schädlich erklärt. "Nur das Nötigste" ist erlaubt. Andernorts wirst du krank. Besser hätte man es auch vor den "Maßnahmen zur Kontakteindämmung" (Robert-Koch-Institut) nicht ausdrücken können.

 

Ein Spiel ohne Grenzen ist nur in seinen eigenen Grenzen vorstellbar. Einmal hört das Spiel auf. Es steht still. Man sucht nach erneutem Start. Es gibt keinen Zweitstart am selben Ort, in der selben Zeit. Es gibt keinen Neustart des Alten.

März 2020