Ilja Bohnet stellt zehn Fragen zum Tatmotiv.

Bodo Morshäuser beantwortet sie

hier

Tageslicht 16

Ihr drittes Leben

Manche sterben und sind aus der Welt. Andere sind gestorben und bleiben unter uns. Mein Vater war nach seinem Tod vergessen und vorbei, meine Mutter ist geblieben. Ich betrat eine weite Halle voller Betten und ging an den von Kopf bis Fuß in frische weiße Tücher gehüllten Verstorbenen vorbei. Jedem schaute ich ins Gesicht. Ich ging und ging, doch der Abstand zum Ende der Halle wurde nicht kleiner. Als ich die Hoffnung, meine Mutter dort zu entdecken, beinah aufgegeben hatte, schaute ich in ihr Gesicht. Ihre Haare waren nach hinten gekämmt. Anders als die anderen hatte sie die Augen offen. Und mich fest im Blick.

"Aber du lebst ja!"

Sie sah aus, als hatte sie auf jemanden gewartet, der sie abholt.

 

Gestern saßen wir auf ihrem Balkon und schauten auf den Kurfürstendamm. Kaltes weißes Licht, Konturen wie nachgezeichnet. Sie trug ihre dünnen weißen Haare immer noch wie zur Jugendzeit. Ihr Gesicht, im vergangenen Jahr oft grau, hatte wieder seine ursprüngliche Farbe.

Obwohl reichlich Zeit vergangen war, fragte ich mich immer noch, wie sie damals ahnen konnte, dass ihr Familienleben am nächsten Tag beendet sein, sie im Badezimmer stürzen und das Bewusstsein verlieren würde.

"Wenn es soweit ist, kann und will man nicht mehr. Wenn man das zugibt, ist es eine Erleichterung."

Sie schaute auf die Tasse in ihrer Hand.

"Dass du das immer wieder wissen willst."

"Und du hast auf einmal wieder gekonnt und gewollt?"

"Das Leben ist schön. Wenn man es bekommt, nimmt man es."

Im selben Tonfall erzählte sie von einer Musiksendung, von Frisuren und Kostümen.

 

Wolltest du damals nicht mehr, weil mit Papi nicht zu leben war und du keinen anderen Ausweg sahst, als umzukippen?

Er ist auch ein guter Mann gewesen, manchmal zwar ein Scheusal, doch er hat seine guten Seiten gehabt.

Das hatte sie immer schon erzählt, früher und noch früher, wenn sie gestritten hatten, er abgehauen und ich mit ihr übriggeblieben war und sie tröstete, oder sie mich. Kaum war sein Türenknallen verebbt, verteidigte sie ihn, so war sie gewesen, so war sie immer noch, und nichts, ich war mir sicher, würde sich jemals ändern daran, dass sie ihn verdammte und mit dem nächsten Atemzug lobte.

Der Verkehr unten war nicht lauter als der Wind in den Baumwipfeln. Über sie hinweg schaute ich in andere Bezirke.

 

Eine einzelne Wolke schmückte den metallicblauen Himmel. In der Nähe miaute eine Katze. Aus der Tiefe der Straße hörte ich jemand telefonieren. Ich legte alte Fotos auf den Tisch.

Du bist mir einer, sagte sie. So schön war es nun auch nicht, dass man immer an früher denken oder sogar davon reden muss.

Du bist mir einer – es klang nach Stöhnen und Beschwerde, und hatte gleichzeitig den Beiklang von Freude und Stolz; es ist eine der knorrigen Floskeln aus dem Spreewald, dem Spreewald zu ihrer Zeit. Sie schaute die Fotos an.

An ihr halbes Jahr im Pflegeheim konnte sie sich kaum noch erinnern. Wenn jemand ihr davon erzählte, hörte sie zwar interessiert zu und dachte nach, aber dann winkte sie ab. Früher sagte sie, wir hätten das nur geträumt. Seit auch Ärzte und Pfleger davon redeten, hielt sie es irgendwie für möglich. Aber sie hatte keine Erinnerung daran. Sie ließ sich damals von den Zumutungen des Pflegeheims nicht kleinkriegen. Statistisch waren Heimbewohner nach vier Monaten zugrundegerichtet und verstorben. Es gab nur wenig Patienten, die sich an diesen Durchschnitt nicht hielten. Wenn sie nicht sterben wollten und es jemanden gab, der sie abholte, ließ man sie gerne gehen. Während der paar Monate zwischen dem Pflegeheim und der Aufnahme im Lebenshaus wohnte sie bei meiner Schwester Ilona.

 

Eines Tages lasen wir von den Forschungen und Erfolgen der Lebensgesellschaft und beantragten für unsere Mutter einen Platz in einem neuen und einzigartigen Wohnprojekt. Einen Platz bekommt man dort nur, wenn man die medizinischen Tests mit positivem Ergebnis abschließt. Die Probanden erhalten Medikamente, durch die die bisherige Medikation sich selbst abschaffen soll. Bei manchen gelingt das, bei anderen nicht. Mit der Zeit schrumpfte der schwere Erinnerungsverlust unserer Mutter auf ein erträgliches, für alte Menschen normales Maß, eben auf den senior's moment. Sie schloss den Versuch erfolgreich ab und bezog eine möblierte Wohnung im Lebenshaus. Das Lebenshaus ist eine Außenstelle der Charité. Es gibt dort verschiedene Gemeinschaftsräume, in denen Kurse stattfinden (sie nahm teil an Qi Gong, Gedächtnistraining und Gymnastik), auch eine Bibliothek, ein gutes Restaurant, selbstverständlich die medizinische Station und verschiedene Pflegeräume. In anderen Städten bereitete man ähnliches vor.

 

Das Foto, das ich bei mir hatte, stammte aus dem ersten von fünf Alben. Es war sehr alt, klein, schwarzweiß und vom Abrieb der Jahre ausgebleicht. Als nach dem Tod des Vaters unsere elterliche Wohnung leergeräumt wurde, rettete meine Schwester die besten Kleidungsstücke meiner Mutter sowie ein paar Fotoalben, die die Geschichte dieser Ehe dokumentieren.

Sie sah sich die Fotos durch eine dicke Lupe an, zwischendurch schaute sie zum Haus gegenüber, wo sich Männer mit weißen Hemden wie auf Kommando bewegten, nachdem bis eben jeder an seinem Platz gesessen hatte. Die Möglichkeiten, ihr Augenlicht zu verbessern, waren ausgeschöpft. Immerhin benötigte sie keine Gehhilfen mehr. Ich suchte die weiße Wolke. Die Katze hatte aufgehört zu miauen.

Die meisten Fotos sind verlorengegangen, sagte sie.

 

In den Jahren nach dem Krieg zog sie mit ihrem zukünftigen Ehemann auf der Suche nach einer Bleibe durch die Gegend. Er konnte die Grenze zwischen den alliierten Zonen nicht legal passieren. Sie hätten ihn verhaftet. Mehrmals überquerten sie die Zonengrenzen nachts und ohne Gepäck. Zwei Pakete mit ihren besten Stücken wurden vorweg geschickt, von der amerikanischen in die russische Zone und zurück, zum Schluss von Würzburg nach Lübben. Während dieses Hinundhers gingen die Pakete verloren.

Sie schaute nicht mehr auf das Foto, sondern irgendwo daneben, in Richtung des Abflusses auf dem Balkon.

Der Rückweg von Riga nach Hannoversch Münden im vorletzten Kriegsjahr fand noch geordnet statt, Truppen und Verwaltung fuhren in Kolonne. Meine Mutter wurde nach Hannoversch Münden zum Heerespersonalamt versetzt, wo man bis zum letzten Kriegstag Orden verlieh und Urkunden verschickte. Was sie Flucht nannte, begann im März 1945, als kein geordneter Rückzug möglich war und Hannoversch Münden bombardiert wurde. Mit zwei Kolleginnen flüchtete sie Richtung Süden, ließ sich von Kolonnen mitnehmen, die den gleichen Weg anstrebten, oder sie schlug sich querfeldein durch. Zwei Monate vor der Kapitulation des Reichs hatte für die Nachrichtenhelferin Charlotte Domek der Krieg begonnen. Der Fluchtstress wurde ihr zum Inbegriff des Krieges.

 

Nach langem Hinundher landeten sie im britischen Sektor von Berlin und zogen in die erste eigene Wohnung in der Nähe des Potsdamer Platzes. Sie waren 25 und hatten nur ein Ziel: In Ruhe leben, mit Kindern. Ihr zweites Leben fing in den frühen sechziger Jahren an, als sie vierzig wurden. Die vierköpfige Familie zog auf Druck des Vaters und gegen den Willen der Mutter aus der Innenstadtlage in eine der Siedlungen, die auf den Brachen hochgezogen wurden, wie man damals sagte, in eine Wohnung mit fließend warmem Wasser, Zentralheizung und Einbauküche. Schaute man aus den Fenstern, sah man zwei Arten von Wohnhausschachteln, dazwischen schnurgerade Wege, vierzig Jahre lang. Nun lebte sie, allein, ihr drittes Leben. Sie ging auf die neunzig zu und wohnte wieder mitten in der Stadt.

 

Auch jetzt, in die leere Balkonecke schauend, sagte sie, das hätte doch nicht sein müssen, das sinnlose Bomben in den letzten Kriegswochen. Früher antwortete ich irgendwas mit dem Hinweis auf Ursache und Wirkung, inzwischen sagte ich nichts dazu und schaute in eine andere Leere. Die Fotos vor ihr gehörten zu den paar Sachen, die sie beim Wechsel von der amerikanischen in die russische Zone bei sich hatte.

 

Auf den ersten Blick sind die Fotos aus dem ersten Album banale Schnappschüsse, um sich später zu erinnern, wo man mit wem gewesen war. Erst die Bilder aus der Nachkriegszeit sollen etwas darstellen. Man zeigt sich buchlesend, zeigt sein erstes Wohnzimmer vor, das erste Auto, die Hobbies. Für ein paar Jahre verwandelte der Vater samstags das Badezimmer in eine Dunkelkammer und entwickelte seine Fotos selbst. In den letzten beiden Alben kleben nur Urlaubsbilder. Auf fast jedem steht meine von Jahr zu Jahr unglücklicher wirkende Mutter in irgendeiner Landschaft. Nie fotografierte sie ihn.

 

Als scheute sie sich, wischten ihre Blicke nur flüchtig über das Foto auf dem Balkontisch. Meistens schaute sie in die Luft, zum Himmel oder zu den Bäumen. Dann stand sie auf und ging in ihre Wohnung.

Das Bild zeigt sie und eine Kollegin fröhlich in blendendem Sonnenschein und bei bester Laune vor einem Holzhaus, das auf einem Zementsockel ruht. Die Frauen haben ihre gelockten Deckhaare oben zusammengesteckt, und die Seitenhaare wellen sich über die Ohren, bis auf die Schultern. Über ihren Köpfen ragen drei Fensterbleche hervor, ein Fenster ist offen. Die Frauen stehen neben einem Ablussrohr, an dem zwei Blumensträuße hängen. Beide tragen Uniformrock und -bluse mit dem aufgestickten Blitz der Nachrichtenhelferinnen. Sie sind sehr schlank. Ihre Handflächen liegen an den Oberschenkeln.

 

Sie kam auf den Balkon zurück, hatte eine Mütze in der Hand und lächelte, wie sie lächelte, wenn ihr etwas naheging: Die Augen blinzelten, der Kopf machte Schwenks nach rechts und links, und ihre Lippen zuckten, als würde im nächsten Moment ein schmutziger Witz sie passieren.

Sie hielt eine Wollmütze in der Hand. Weinrote Zickzack-Linien ziehen sich vom Bund aufwärts im Kreis. Mit jeder Drehung werden die Abstände größer, bis das Muster, das sich durch eine tiefgraue, silbern schimmernde schwere Wolle zieht, in der Spitze endet.

Die habe ich mir in Riga gestrickt, sagte sie. In Riga hat es jede Wolle gegeben. In Riga bin ich an alles rangekommen. In Riga ging es mir so gut wie nie.

Sie sehe sich heute noch in ihrer Wohnung dort sitzen und stricken und auf das Treiben in der Hermann-Göring-Straße schauen, sie am linken, ihre Freundin Lucy am rechten Erkerfenster. Zwischen ihnen eine Nähmaschine. Sie hätten gestrickt, gehäkelt, genäht, Musik gehört und viel gelacht. Aus der gleichen Wolle habe sie einen Schal und zwei Pulswärmer gestrickt, Hintergrund und Muster farblich seitenverkehrt. Den Schal habe sie Lucy geschenkt, die Pulswärmer seien mit den Paketen verlorengegangen. Diese Mütze habe Rückzug und Flucht auf dem Boden ihres Koffers mitgemacht. Sie schob die Mütze leicht nach hinten, halb lagen Stirn und Ohren frei.

Lustig siehst du aus.

Lucy und mich konnte die ersten Jahre überhaupt nichts trennen. Wir kamen zusammen in Riga an, mit demselben Zug aus Gießen. Die Zwillinge haben sie uns genannt.

Darf ich dich fotografieren?

Sie hielt ihre Lupe über das drei mal vier Zentimeter kleine graugelbstichige Foto, auf dem die beiden Frauen dicht bei dicht vor einer sonnenbeschienenen Holzhauswand an einem Abflussrohr neben zum Trocknen aufgehängten Wiesenblumen posieren.

Ich machte ein Foto.

Wo es möglich gewesen sei, habe Lucy Blumen beschafft, Blumen ins Haar gesteckt und immer wieder auf welche hingewiesen. In ihrer Wohnung hätten meistens mehrere Sträuße gestanden, manchmal habe es bei ihnen wie im Blumenladen ausgesehen. Man muss es sich so schön wie möglich machen, sei ein Lucy-Satz. Sie dagegen, meine Mutter, habe sich nichts aus Blumen gemacht, bevor sie sich beim Lehrgang in Gießen im Sommer '41 kennenlernten.

Ich fragte, wo das Foto aufgenommen wurde, in Riga, sagte sie. Ich fragte, ob während der Arbeitszeit oder in der Freizeit, vor was für einem Haus sie stehen und was ihr zu dem Blumenstrauß einfällt.

Das ist Grete, eine Kollegin. Vielleicht stehen wir vor dem Haus, in dem wir gewohnt haben, vielleicht auch woanders. Wir haben viele Fotos gemacht. Vielleicht habe ich die Blumen für Lucy getrocknet. Ich weiß nicht. Was ist daran so wichtig?

Nebenan rollte Trudl Greiner im Rollstuhl an die Balkonbrüstung vor und schaute zum Himmel. Sie war ein Jahr jünger als meine Mutter, hatte rot gefärbtes, nach hinten geföntes Haar und kaum sichtbare Lippen. Sie drehte sich, tat, als habe sie mich eben erst entdeckt, sagte in ihrer strengen Art Guten Tag und schüttelte den Kopf.

Wie siehst du denn aus?

Weißt du, wann ich die gestrickt habe?

Sowas tragen die jungen Dinger heute.

Du nicht, als du ein junges Ding warst?

Ihr ward weit weg, euch ging′s gut.

Beim letzten Satz winkte sie ab, kehrte um und rollte nach drinnen.

Die Trudl hat schon recht. Bei uns war nichts rationiert. Wir bekamen alles.

 

Jeden Nachmittag gingen beide in Begleitung von Herrn Warnow und Herrn Risewski an der Straßenecke gegenüber Kaffee trinken. Eine Pflegerin gab Acht, dass der Ausflug unfallfrei ablief. Wenn sie da saßen, redeten sie nicht miteinander, das taten sie im Haus. Sie schauten sich das Treiben auf der Kreuzung an. Einmal hörte ich, was sie sich abends im Restaurant darüber erzählten. Herr Warnow erinnerte sich an neue Werbeflächen auf Doppeldeckerbussen. Herr Risewski spielte Begebenheiten vom Nebentisch nach. Meine Mutter erzählte von Kleidungsstücken junger Frauen, deren Details sie rekonstruierte und zusammensetzte, als schneiderte sie in Gedanken. Trudl Greiner wartete mit neuen Beobachtungen auf, die sie an den Verkäuferinnen des Backcafés und an der Pflegerin gemacht hatte oder an Leuten, die jeden Tag zur gleichen Zeit an dieser Kreuzung auftauchten.

 

Weit oben stand eine stumpfgraue Wolkendecke. Im Westen war der Himmel stahlblau bis violett gefärbt. Drüben in den Büros streiften die letzten Männer ihre Sakkos über. Aus einem vorbeifahrenden Bus schallten Schlachtrufe von Eishockeyfans. Der tiefe Osthimmel war düster. Zu Füßen der gestochen klaren Lichter der höchsten Häuser hatte das Nachtleben begonnen. Die Augen meiner Mutter wanderten über den Balkontisch, auf dem das Foto lag und kaum noch zu erkennen war. Ihre Augen bildeten keinen Blick, obwohl sie offen waren. Dachte sie nach? Sinnierte sie vor sich hin? Ihr Gesicht war zarter und verletzlicher geworden, seit wir schwiegen. Mit ihren nicht leeren, nur aussagelosen Augen ähnelte sie ihrem Aussehen von damals, als sie, wie die Ärzte sagten, wie alle anderen sagten, auch ich, unter schwerem Erinnerungsverlust oder Gedächtnisverlust oder unter Demenz, wie jeder sagte, litt. Aber sie hatte gar nicht gelitten. Gelitten hatten die anderen. Manchmal dachte ich damals, sie wäre nun ein freier Mensch. Ich verbot mir diesen Gedanken. Schwerelos war ihr Blick, schwerelos war ihr Gesichtsausdruck in den Monaten ihrer Krankenhaus- und Pflegeheimzeit. Seit ihr ein drittes Leben geschenkt wurde, hatte sie diesen ortlosen Blick nur noch, wenn sie, wie jeder es kennt, sekundenkurz aus dem Band eines Tages fiel und irgendetwas anstarrte, ohne es zu sehen, und träumte oder sinnierte, ohne zu wissen was – und im nächsten Moment sind diese paar Sekunden vergessen, weil es nichts zu erinnern gibt. Nichts. Mehr nicht.

Nein, die Trudl hat es nicht leicht gehabt.

 

Ich steckte das Foto in meine Brieftasche und verabschiedete mich. Es war früher Abend, sie würde gleich mit Trudl Greiner und Herrn Risewski im Restaurant des Lebenshauses wie fast jeden Abend am selben Tisch sitzen. Herr Warnow aß auf seinem Zimmer. Wenn sie fertig wären, würden sie ihn in seinem Rollstuhl gleich neben der Ampel sitzen sehen. Stundenlang konnte er sich von dort aus den Verkehr anschauen.

 25. Mai 2022

 

 

 

Kerker

Donnerstag. Langeweile im Hörsaal, nur wir beide sitzen noch hier, während draußen - es ist Pause - das Betriebsgelage beim italienischen Wein hockt. Zeit also, über ihn nachzudenken. Wir sind in Graz, und der Hörsaal wird von einem Literatursymposion in Beschlag genommen. Er hatte seinen Auftritt heute Morgen, ich habe meinen Auftritt morgen früh. Er spricht mit niemandem hier, als einziger. Man tuschelt hier über jene, die mit anderen entweder deutlich oder gar nicht reden. Mir ist es zu anstrengend, so konsequent zu schweigen wie er. Ich habe wohl andere Feinde, andere Blößen. Ich hielt ihn damals, als wir uns ein paar Tage lang sahen, für einen Streber, und halte ihn heute noch für einen, in der Variante des besten Anti. Das Anti ist seine Rolle. Lesen die anderen von Lüge vor, so sagt er in seiner Rede zweihundertmal Wahrheit. In meiner Rede kommen beide Wörter nicht vor. Er hat die Gelegenheit zu einem kurzen Wortwechsel ausgeschlagen, das bringt mich dazu, mir in der Pause, während der Hörsaal leer ist und nur wir beide hier sitzen, diese Gedanken über ihn zu notieren. Ich wünsche ihm, dass er seine Rolle durchhält, und ich vermute, dass er es nicht schaffen wird. Am Ende oder vorher ziehen wir das Outfit ab, die Signale, und dann wird wenig übrigbleiben, das ahne ich. Heute, über fünfunddreißig Jahre später, da ich meine damalige Notiz zum ersten Mal abtippe, weiß ich es. Natürlich interessieren mich auch die Reden der anderen, aber persönlich interessiert mich hier niemand so wie er. Das verstärkt er durch seinen Entzug, er weiß es. Es verbietet sich ihm, seine Anwesenheit, die er durch Unerreichbarkeit aufpumpt, zu schmälern, er darf hier niemanden kennen, nur so funktioniert seine Show. Es ist lächerlich, und trotzdem lasse ich mich, unterstützt durch die Langeweile während der ausgedehnten Pausen zwischen den Lesungen, auf einen, mehrere Gedanken über so eine heikle, selbstverräterische Sache ein. Ich bilde mir ein, ihn zu mögen, er verbietet sich, so etwas zu denken. Das Programm geht weiter.

 

Sonntag. Auch die anderen Autoren denken über seine Absonderung nach, aber anders, gehässig, sie kennen ihn nicht, sie sehen den Konkurrenten. Er hat dann öffentlich eingelöst, was alle ahnten und befürchteten, indem er am letzten Tag auf die Bühne stieg und Noten verteilte und fast alle mindestens zu Ärschen erklärte. Nur mich nicht. Mit mir habe er sich schonmal unterhalten, sagte er, daher sei er bereits korrumpiert. Dann gingen wir unserer Wege.

 Herbst 1984/Herbst 2021

 

 

Zähne

Ist sie es? Ist sie es nicht? Sie sieht ihr ähnlich, ganz klar. Zwei Kerle und sie, Schwule, warum erkenne ich das? Will ich das wissen? Das Messer ist zu stumpf, um eine Pizza zu schneiden. Warum schaut sie gleich zu meinem Tisch? Ist sie es doch? Etwas ist mit ihren Zähnen, sie kann nicht richtig kauen. Wieviele Bewegungen ein Kiefer braucht, um irgendeinen Krümel kleinzukriegen. Ich weiß das, es war eine Qual. Damals traute ich mich kaum, den Mund aufzumachen und checkte jeden Menschen, mit dem ich sprechen musste, als erstes darauf, ob er meine schlechte vordere Zahnreihe betrachtete. Und ob er die Stirn in Falten zog. Dabei sah man meine Zähne kaum noch. Mit den vielen Jahren hatte ich mir eine Mundstellung zugelegt, die meine Ruinen nicht mehr entblößte. Sie sind hungrig, alle drei, und schieben Salzstangen in sich rein, noch bevor sie etwas bestellt haben. Wenn sie es ist, dann haben unsere Zähne eine entgegengesetzte Entwicklung genommen. Sie hatte damals gute Zähne und lachte gern, lachte mit weit offenem Mund, und ich beneidete sie darum. Sie schaute nie auf meine marode obere Zahnreihe oder die nikotingelbe untere. Bei ihr fühlte ich mich sicher. Lange her, dass ich meine Baustellen reparieren ließ, ich konnte mich kaum noch erinnern, wie es sich früher anfühlte. Bis jetzt. Nun, da ich sie beobachte, weiß ich es wieder. Nach jedem Bissen putzt sie sich den Mund mit der Serviette ab. Sie hat keine Scheu, mit einem Finger zwischen zwei Zahnstellen zu fahren, um Reste freizulegen oder rauszuholen. Sie schiebt die Happen endlos hin und her, von Stummel zu Stummel, in der Hoffnung auf Verkleinerung. So habe ich es damals getan, es war mir unangenehm. Ich erkenne nicht, dass es ihr unangenehm ist. Sie ist schon vom Kauen der Salzstangen erschöpft, und das Abendessen steht noch nicht einmal auf dem Tisch. Ich könnte sagen, sie sollen mir ein anderes Messer bringen, aber ich habe die halbe Pizza schon gegessen und langsam den Bogen raus, wie ich zurechtkomme, also sage ich nichts. Sie vollführt regelrechte Kaukämpfe. Ich glaube, sie ist es, und sie will nicht zugeben, dass sie mich gesehen hat, ähnlich wie ich bei unserer letzten Begegnung in einem anderen Restaurant in einem anderen Bezirk nicht zugeben und zeigen wollte, dass ich sie bemerkt hatte. Das Zahnproblem geht auf ihre ganze Körperhaltung über, hundert Muskeln strengen sich an, sie bräuchte nur zehn. Selbst die Hände sind verkrampft. Sie will etwas festhalten, vielleicht sich selbst. Und trinken, immer wieder trinken, weil das ein paar Speisereste lösen könnte, an die sie mit der Zunge nicht rankommt. Ich erinnere mich, dass ich oft zu früh geschluckt habe, weil ich mich nicht ewig mit den nur halb zerstörten Happen in meinem Mund beschäftigen wollte. Andere waren schneller mit dem Essen fertig. Ich sehe sie und erinnere mich an mich und erinnere mich an sie und mich und sehe sie, worin ich mich sehe, wie ich einmal ausgesehen haben muss. Das Messer war nicht scharf genug, sage ich zum Schluss, hätten Sie Bescheid gesagt, hätte ich Ihnen ein anderes gebracht, sagt er.

23. November 2021

 

 

Alles neu

Ich denke mir das nicht aus. Es gibt Belege, Urkunden, Bescheinigungen. Es gibt Zeugen. All die Sachen in meiner Wohnung stammen nicht aus den vergangenen paar Jahren, die ich einigermaßen vor mir sehe. Ich muss vieles mitgebracht haben. Eines der letzten Bilder der Vorzeit, vielleicht auch das erste Bild der Jetztzeit: An einem durchgeregneten Frühwintertag steht ein schwarzer Mercedes Sprinter, die lange Version, auf dem Gehweg vor meinem alten Haus und wird einen Vormittag lang von vier Männern freundlich und stark vollgeladen. Das nächste Bild: Ich sitze auf dem Boden der neuen Wohnung und schaue die ausgeladenen Kisten und Bretter an. Aber nur blass sehe ich mich die alte Wohnung ausräumen, nur blass sehe ich mich die neue Wohnung einrichten. Danach muss mein Leben begonnen haben, also dieses. Und alles spricht dafür: Ich muss einmal der gewesen sein, der ich nicht mehr bin.

 19. November 2021