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Was redeten sie! Es gab so vieles. Gemeinsames. Und jeder hatte seines. Phantasien, Träume, Wünsche. Meinungen. Ohne den Wörterstrom wären sie nicht beim anderen, nicht bei sich gewesen. Es gab kein Ende, das Ziel würde nie erreicht sein. Sie wollten sich mit Wörtern entkleiden, so wie sie sich entkleideten, um ihre Körper zu spüren, sich zu zeigen, den anderen zu sehen. Sprechen war Entblößung, Sprechen war Einkleidung. Mit wem nichts zu reden war, war nichts anzufangen. Wenn sie schwiegen, dann das Schweigen der Sprechenden, welches ein glühendes ist, im Unterschied zum Schweigen der Schweigenden, das ein verglommenes ist. Sie schwiegen vor Fülle, nicht aus Leere. Es wurde schon allein gesprochen, um nicht zu ersticken an Ungesagtem. Es gab auch jene, die wenig redeten und sich das Spiel versagten. Genau das aber brauchten und suchten diese beiden hier. Der Tausch von Ansichten und Blickwinkeln war Fortsetzung des Spielens, Zwecklosigkeit mit anderen Mitteln. Sie trieben Sinn und Unsinn hervor. Sie gingen über das vernünftig Sag- und Denkbare weit hinaus. Jede, jeder war anders. Die Ersten trieben zwecklose Sprachspiele, die Zweiten setzten Meinungen, die Dritten zeigten Ansichten und stellten sie nebeneinander. Waren diese beiden hier zwischendurch wieder allein, gingen ihnen die Wörter des anderen durch den Kopf, sie nahmen sie mit durch ihren Tag und glichen sie mit eigenen Ansichten ab. Sahen sie sich wieder, berichteten sie, was ihnen in der Zwischenzeit zu Sätzen anderer eingefallen war. Sie waren beschenkt. Sie wurden reich. Sie waren nie allein, wenn sie für sich waren.
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Später ließ das nach. Sie sagten, was sie für erwähnenswert hielten. Sprechen hieß nun, vor-auszuwählen. Es sprudelte nicht mehr aus ihnen. Ihre Themen waren allgemeiner und spezieller geworden. Sie führten aus. Sie setzten voraus. Sie bezogen sich auf. Sie erinnerten an. Sie verwiesen auf. Sie sagten "Wie gesagt". Sie erklärten Sachverhalte. Sie gaben zu bedenken. Versuchten sie zu überzeugen? Unterlief es ihnen, besserzuwissen? Wurden sie Rechthaber? Kontraste wurden härter, Unterscheidungen grabentief. Sie redeten nicht mehr so schnell wie früher. Nur selten ließen sie Sätze unkontrolliert aus sich heraus. Irrtümern und Dummheiten gegenüber waren sie weniger aufgeschlossen. Urteilsmilde wurde ein rares Gut. Sie hatten etwas zu verlieren. Sie mieden Purzelbäume und Überschläge. Sie gingen Schritt für Schritt. Sie malten sich Wege aus, bevor sie losgingen. Sie trafen nicht viele, sondern einige. Sie redeten nicht die Nächte durch. Am Abend brauchten sie Absacker. Ihre Wecker klingelten, weil sie sie gestellt hatten. Sie hatten Hausärzte und Versicherungen gegen Einbruch. Sie lebten nicht mehr allein, manche lebten immer noch allein. Sie hatten es zu etwas gebracht. Sie fanden, manche hätten es zu nichts gebracht. Sie wussten, was geht und was nicht geht. Sie erinnerten sich. Sie schauten in abgegriffene Addressbücher. Sie blickten gemeinsam zurück. Sie spürten nicht mehr, die gewesen zu sein, die sie einmal gewesen waren, sie wussten es nur. Sie teilten ihre Leben in Phasen ein. Sie waren noch nicht fertig. Aller Voraussicht nach, die es nicht gab, waren sie noch nicht fertig. Sie machten weiter. Sie standen mitten im Leben. Sie waren in den besten Jahren.
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Man sprach sie an mit "junger Mann" und "junge Frau". Sie blieben auf dem Laufenden. Sie schätzten Routine, vertraute Gesichter, sichere Sachen. Sie erinnerten an früher. Sie sagten, was sie an dieser Stelle meistens sagten. Sie hatten ein paar Dinge gelernt und waren stolz darauf. Nun hatten sie Zeit und reisten. Sie wollten Unbekanntes sehen, waren aber nicht neugierig. Sie waren froh, zu zweit zu sein und in Gedanken allein. Sie sahen an anderen, wie schwer es wurde, allein zu sein. Männer, die in Kneipen wohnten. Frauen mit Rotwein und Fernsehgerät. Und wer alles gegangen war. Sie hatten die Wochen überstanden, in denen ihre Körper erste Warnschüsse abgaben und Rechnungen präsentierten. Sie hatten gelernt. Sie lebten gesund wie irgend möglich. Sie redeten wenig, wenn, dann über Geld und Krankheit. Sie kannten Geschichten und Betroffene. Sie wiederholten sich. Sie wusste, was er gleich sagen würde. Er sah ihr an, was sie dachte. Sie wollten lernen und Altbekanntes nicht vergessen. Sie hatten einmal geschwärmt und sich weit hinaustreiben lassen, sie waren zur Unvernunft bereit gewesen, sie hatten in Augenblicken gebrannt vor Glück. Das meiste war aus der Erinnerung geräumt. Sie wussten davon, sie spürten es nicht. Früheres war Information über früher, nicht das Gefühl. An vier fünf Situationen erinnerten sie sich, von ihnen erzählten sie. Ihre Freunde kannten diese Geschichten und hörten jedesmal zu, als wären sie ihnen neu. Sie kannten die vier fünf Geschichten, an die ihre Freunde sich erinnerten und hörten jedesmal zu, als wären sie ihnen neu. Sie brausten nicht auf. Sie zeigten keine Regung, die sie nicht an anderen Tagen gezeigt hätten. Wenn, ja wenn sie etwas liebten, dann Gleichmaß und Ruhe, geringe, bekannte Geschehen, ab und zu kleine Überraschungen im Rahmen des Erwartbaren. Stundenlang schwiegen sie, unterbrochen durch Sätze, die sie täglich sagten. Gewisse Laute vernahm man oft, wenn man sie hörte, "ojemineh" oder "sai sai sai sai" oder "oh oh oh oh" oder "tsss tsss". sie dachten an frühere Kollegen, die Kinder, als sie klein waren, das Abenteuer in der Wüste, den Beinahesturz vom Berg, und wussten, nichts davon würde wiederkehren. Sie wünschten sich nichts davon zurück, sie wünschten nicht viel, sie wünschten, dass recht viele Tage ereignisfrei vorübergingen und sie am Tag darauf erwachten für einen weiteren solchen Tag. Sie lebten gern. Das hatten sie nie vergessen.
27. Februar 2026
Achtunddreißig Grad, Luft aus Watte, schwebende Nachbarn, tonlose Trams. Ich stehe da wie ausgeworfen und noch nicht eingesammelt. Nahe der Straßenränder Tische, Stühle, Rauch, Alkohol, tropfendes Blumenwasser. Alles, Materie wie Existenzen, ist weich geworden, pocht und zerläuft. Im Schaufenster sehe ich eine Verpackung ohne Inhalt, pure Hülle. Kopf, Hirn, Ohren, Geschmackssinn unauffindbar. Ein tiefergelegtes Geschoss brettert vorbei, ein Rollerfahrer springt in ein Beet, der Roller segelt in Schräglage weiter.
In der orientalischen Zone Eckensteher, alte Männer im Neonlicht, Tag- und Nachtshops, Altbaureihen mit offenen Erdgeschossfenstern, tief fliegender Marihuanaduft. Weiter im Lammspießquartier der uralten und brandneuen Automodelle und der abwesenden eigenen Frauen. Abendwind fließt durch eine Querstraße. Hier reichen sie Stühle aus Parterrefenstern und stellen sie am Bordstein auf, dazu Tische, Töpfe und Teller, Schalen, Löffel, Teekannen und Brotberge für Familien wie Einzelne. Oben in Fensterluken gepresste Schultern, ins Rahmenholz gequetschte Arme. Noch weiter oben, auf Flachdächern, tanzen Mutige und Übermütige. Einige halten Ausschau und schleifen Stangen hinter sich her. Weiter. Die Straße endet am weiten Feld, wo die Luft sich am Abend in Bewegung gesetzt hatte, zum ersten Mal an diesem Tag, sagen die Leute. Das weite Feld ist eingezäunt, davor ewige Anrainerstraßen, zu denen die Ruhe gekommen ist, weil Propeller und Turbinen auf immer schweigen. Hier ist Stadtfrieden, und dieser weiche Abend offenbart, wie viel Blech, Aluminum und Plastik auf den Straßen lagert und leise knackt. Nach wenigen Dorfstraßenminuten die Stelle, an der der Zaun zu Start- und Landebahnen, Rollbahnen, Vorfeldern, Zwischenräumen und Rändern geöffnet ist; dazwischen verbranntes Grün. Auf der anderen Seite, im anderen Bezirk, statuare Posen um Zigaretten herum: Einer mit ins übergeschlagene Knie gebohrtem Ellbogen, der Stummel in Schläfennähe als Fackel. Eine hat im Stehen den Ellbogen in die Taille gestemmt, dazu gespreizt ausgeklappte Unterarme. Die andere hält ihre Zigarettenhand als Schaufel gen Himmel, die Wirbelsäule zum S geformt. Oder er, der das Ding zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt, die Glut zur Handinnenfläche gerichtet. Auspusten zur Seite oder über Köpfe hinweg. Automatisiertes Ascheabschnippen. Dann solche, die das Ding ohne Attitüde halten, die schwerste Übung. Als trügen sie ein Geheimnis, das zu verbergen sei. Sie fallen besonders auf. Die Raucher reden über ihr altes Viertel, Wohnungen, Läden, Menschen. Sie reden über die letzten Jahre. Sie sehen Vereinsamte, Spieler und Blender, "der immer so unterwürfig Grüßende", "dieser blasse Scheitel- und Bügelfaltenträger", "der starr an anderen vorbei Blickende", "die wachen Augen des kleinen Trinkers, seine Einstecktücher in verschlissenen Jacketts", "die, die nur mit Wasserflasche unterwegs ist, vor jedem zweiten Geschäft stehenbleibt, hineinschaut und keinen Laden je betritt", "der, dem mit den jahren die Augen zugequollen sind".
Stadt der Unglücklichen. Stadt der Verlorenen. Augenfraß und Mundfüllung. Je länger ich hinschaue, desto weniger sehe ich. Alles ist über die Stadt gesagt, doch nie das, was man gerade sieht. Verhauene mustern Geprügelte. Verdächtig sind die Unverletzten. Gemustert von Gemusterten. Der Feldherr, dem sie dienen, bleibt unsichtbar. Trotzdem scheint jeder einen Auftrag zu haben. Der Feldherr vergibt keine Aufträge. Er ist der Auftrag. Völliges Fehlen der Alltagskunst, im vollbesetzten Raum niemandem durch direkte Blicke lästig zu werden. Die Schraubverschlussfrisur hat die Macht übernommen.
Vor dem U-Bahnhof eine erbarmungswürdige bis erbärmliche Gestalt von Mann, tragbarer Rekorder auf der linken Schulter, Mundharmonika in der rechten Hand, spielt zahnlos, wild und bewegt, als würde er von gut schiebendem Sound angetrieben, aber man hört fast keine Musik – und viele aus dem U-Bahnhof Strömende lachen, manche lachen den Mann aus, nicht für seine Darbietung, sondern weil er ist, wie er ist. Ein paar Schritte weiter hört ein Obdachlosenzeitungsverkäufer, er sei der fünfte in zehn Minuten, der einen anquatsche, und als er weiterzieht, klopfen sie dem Schimpfenden auf die Schulter. Weiter. Im Losgehen bei Grün zischt ein Auto vor mir vorüber, dessen Fahrer beim Rotlicht erst Gas gegeben hatte. Ein Linksabbieger auf der Mitte der Kreuzung, der schon losrollte, bremst abrupt, sein Auto schwappt vor dem Zumstehenkommen vorne nieder. Hupen, Gegenhupen. Ein Vater beugt sich zu seinem Sohn und erklärt ihm das, wobei eine Hand nach schräg oben zur Ampel zeigt und er das Gleichgewicht hält, als zeige er eine Eiskunstlauffigur. Ein Fladen Spucke klatscht auf den Asphalt vor ihnen, kommt so schräg angeflogen, dass der Rotz sich beim Aufprall zweiteilt und die eine Hälfte weiterfliegt. Der Vater zeigt immer noch zur Ampel, der Junge schaut den Spuckenden an, die Fußgängerampel schaltet auf Rot und die beiden stehen nach wie vor da drüben, wie ich im Umdrehen sehe. Vor mir rieselt Asche herab, fünf Meter über mir steht ein eben zerzaust Erwachter am Balkongeländer und schaut in die Ferne. Dann der viel zu schmale Gehweg mit Billiggeschäften und Stellungskämpfen der Hindurchwieselnden und auf dem Gehweg palavernden Verkäufern. Jetzt fallen vier Jungs aus einem Elektronikmarkt und zeigen sich zitternd, mit Schweiß auf den Oberlippen, ihre prall gepackten Tragetaschen, sie tragen Träume in ihren Tüten, mehr geht oft nicht. Ich gehe langsamer, um die sich plötzlich öffnenden Durchgänge zu erwischen, die Sturgeher preschen auf die Dastehenden zu, um im letzten Moment doch noch abzuschwenken oder die Schulter einzuziehen. Den mir entgegenkommenden Gesichtern sehe ich plötzlich an, wie sie zur Welt gekommen waren: in einem hellen schwingenden Rutsch oder in qualvollen nicht endenwollenden Tunnelbrandnächten. Wie nackt nun alle sind.
Die vielen Gehunterbrechungen lassen nur Splitter von Gedanken zu. Erst im Wald wird das Denken aufklaren. Im ersten Drittel der Strecke fliegen mir Themen durch den Kopf, die mich beschäftigen, egal, ob ich schon weiß, welche das sind. Von da an Konzentration aufs Hauptthema und der Versuch, es bis zum Ende des Waldgangs in aller Ruhe zu durchdenken.
Dann ist es endlich soweit. Das Gehen jetzt langsamer. Die Abstände, die Ferne, das Licht, die Lichter zwischen den Bäumen. Ich inhaliere das Sehen, bis es zu einem Gefühl wird, das mich erst recht sehen lässt. Vom Blitz zweigeteilter Stamm, eine Hälfte an zwei Fichten gelehnt. Sandale am Zweig, wie ein Verkehrsschild, oder ein Haltesignal am Bahndamm. Der Wegrand kaum markiert. Der dünnstengelige Kleinwuchs in den Baumlücken selbst schon halb baumhoch. Allgemeines Ineinanderübergehen. Eine Fliege fliegt mit mir mit. Was ich erst für einen dunklen großen und einen helleren kleinen Hund halte, erweist sich als ein Wildschwein mit seinem Jungen – dem ein weiteres halbes Dutzend Junge und noch ein Großtier folgen. Ich bleibe stehen. Das Grunzen eines der Großtiere gibt den anderen das Signal zur Entwarnung, sie setzen ihren Weg fort, ich meinen. Aufgeatmet. Muskeln gelockert. Am Ende des Kurvenwegs ein kleiner Hügel, dahinter die Rückseite des Waldmuseums. Ich spüre den guten Schweiß auf dem Rücken, am Hals und auf der Stirn.
Dachte ich, denke ich. Ich bin sechzehn und werde im Alleinsein stark und stärker, werfe etwas von mir ab und fantasiere mich frei. Mir kann nichts Böses passieren. Allein im Wald habe ich selbst bei Dunkelheit keine Angst. Der Wald gehört mir, Wald ist ein Teil von mir. Alle Räume dehnen sich, auch mein Innenraum. In meinen Taschen sind Hefte oder Bücher mit leeren Seiten, ich habe mir etwas zu erzählen und wünsche, ich erzählte es außerdem jemandem, den ich nicht kenne. Ich fantasiere mich in die im Wind wogende Baumreihe oberhalb des Waldsees hinein, die ich von meiner Lieblingsstelle aus lange anschaue. In einer Baumkrone sehe ich ein Gesicht, sich mit dem Wind bewegendes Gesicht. Das Gesicht erinnert mich an etwas, das ich noch nicht kenne. Hin und wieder besuche ich es. Eines Tages sehe ich, ein Sturm hat ein paar Äste abgerissen, und ich erkenne das vertraute Gesicht nicht mehr, so oft ich auch versuche, es aus Überbleibseln der Baumkrone zu formen. Es ist zerstört. Ich schreibe über diesen Vorgang, also über diesen Vorgang in mir, ein kleines Buch voll. Ich schreibe Dialoge, ich weiß nicht mehr, wer da mit wem spricht. In meiner Vorstellung lege ich das Unsichtbare offen. Ich nenne das Stück Unerhörte Baumkronensonaten, tippe es im Kinderzimmer mit vier Durchschlägen ab und schicke es an einen Radiosender. Ich bin stolz auf den Titel. Seine Schraubung entspricht den außerordentlichen Empfindungen, die ich an meiner Lieblingsstelle im Wald verspürte. Nach zwei Monaten erhalte ich eine freundliche Antwort. Das sei stellenweise schön geschrieben, jedoch habe sich nicht erschlossen, worum es dabei gehe. Ich bin zufrieden mit der ersten Hälfte des Satzes, über die zweite wundere ich mich nicht. Ich habe Geduld.
(zuerst erschienen in Die Horen, Nr. 300, Wallstein Verlag Göttingen, 4. Quartal 2025)
Dezember 2025