"I'm on a mission."

Tageslicht 14

Jan St. Werner, Glottal Wolpertinger Feedback Band 3/B

Blaue Augen schwarzes Haar

Es ist immer zu hören, und das ist keine Übertreibung. Ich warte auf den Tag, an dem ich überhören kann, wie die Flut alle zwölf Stunden gegen das Haus schlägt. Selbst bei Ebbe dringt das Rauschen durch die geschlossenen Fenster. Eines Tages wird dieses Haus Opfer des Meeres werden. Zweimal am Tag wird die untere Terrasse mit Wasser und aufgespültem Meeresbodenzeug überzogen. Von der Terrasse kann man eine Leiter hinunterlassen und den Strand erreichen, sofern nicht Flut ist. Eine zweite, größere Terrasse befindet sich auf dem Dach des Hauses. Dort ist man neben dem Rauschen und Donnern des Meeres dem nie pausierenden Westwind ausgesetzt, und auch das ist keine Übertreibung. Früher mochte ich einige Romane von Marguerite Duras, die am Meer spielen und in deren Mittelpunkt eine Erzählerin oder weibliche Hauptfigur stehen, die ein Haus oder eine Wohnung am Meer bewohnen. Ihre Erinnerungen und Sehnsüchte scheinen von abertausend Geräuschen des Meeres angetrieben zu sein. Zuerst sprachen diese Büchern mich nicht an. Erst Jahre später, während eines heißen Sommers, fand ich Gefallen an diesen Romanen und las sie ein weiteres Mal, einige noch öfter, auf einer Wiese im Charlottenburger Schlosspark, und ich wünschte mir ein Dutzend Romane von Marguerite Duras, die am Meer spielten, aber ich besaß nur die, die ich besaß, und las sie also noch einmal. Mehr solcher Romane schrieb Marguerite Duras nicht mehr, die, die ich mochte, gehörten zu ihren letzten. Gern würde ich jetzt aufstehen und zu dem Regal gehen, in dem diese Bücher bereit stehen, aber ich verbringe diese Wochen selbst am Meer. Zwischen dem Erdgeschossraum mit einer Küche und der Dachterrasse befindet sich ein weiteres Stockwerk mit zwei Räumen und einem Bad. In einem Raum schlafe ich, im anderen liege oder sitze ich auf einem Bett und lese, schreibe oder recherchiere, wie ich hier meine Tätigkeit nenne, die am Laptop stattfindet. Dies ist der einzige Raum im Haus, dessen Fenster zu einer nachmittags belebten Gasse zeigt, alle anderen bodentiefen Fensterfronten geben den Blick zum Meer frei. Inzwischen verrichtet die Flut ihr Werk nicht mehr allein zu den Schlafzeiten, nachts und nachmittags. Aus den Romanen von Marguerite Duras, die ich damals las, war alles Kleinteilige und Kantige weggeschwemmt, nur noch Großes und Ganzes sprach zu mir, ohne Bestimmtes zu sagen und doch vom Leben zu sprechen. Was mir beim ersten Lesen dieser Romane zu wenig war, das war mir jetzt genug, mehr noch, das erfüllte mich. Ich habe hier am Ort wie gesagt nicht das Buch zur Verfügung, an das ich die ganze Zeit denke, doch eben rief ich eine Instanz auf, die mir vielleicht Auskunft gibt, ob meine Erinnerung zutreffend ist. Google. Viel ist dort nicht zu erfahren, eine knappe Inhaltsangabe, in der vom Meer nicht die Rede ist, aber immerhin von einer kleinen Urlaubsstadt, und außerdem ein Zeitschriftenartikel, in dem die angeblichen Männer der Autorin aufgezählt sind und über die Lebensumstände der Frau sonst nur zu erfahren ist, dass sie Alkoholikerin gewesen sei. Dazu immerhin ein paar Sätze aus dem Roman, an den ich hier die ganze Zeit denke. Auch in diesen Sätzen ist nicht vom Meer die Rede, sondern da steht ein in Prosa gehaltener Dialog zwischen dem Mann und der Frau, die sich in dem Urlaubsstädtchen getroffen haben. Überdies las ich, der Mann sei homosexuell und die Annäherung der beiden zum Scheitern verurteilt. An nichts von all dem kann ich mich hier erinnern, sondern nur an eine Erzählerinnenstimme, die das Meer zu ihrem Thema hat. Ähnlich wie in diesem Haus am Meer, in dem ich in diesen Wochen wohne, das Meer mein Thema ist oder werden könnte oder bis eben war.

18. März 2019

 

 

Gelobtes Land

Das Land wird gelobt, das Land lobt sich selbst, am Unausweichlichsten, bevor Wahlen zum Parlament anstehen. Die Zahlen sprechen für einen ungeheuren Reichtum. Es gibt auch andere Zahlen, die von Armut erzählen. Diese Zahlen hören wir von den Spielverderbern. Der Reichtum des Landes ist schwer zu bestreiten, und viele Bewohner fragen sich, warum so viele Dinge des Alltags im reichen Land nicht funktionieren. Darauf gibt es Antworten, der neueste Kapitalismus. Schon klar, mag sein. Doch erklärt es vielen immer noch nicht, warum ihr Alltag unter oft schäbigen Bedingungen abläuft. Damals gab es nicht viele reiche Staaten. Arme Staaten waren die Regel.

 6. März 2019

 

 

Und jetzt Werbung

Wie ein Spielzeug hing hier in der Straße ein meterdickes Rohr am Seil eines haushohen Krans. Eine Baustelle war aber nicht zu erkennen. Später standen zwei Arbeiter beisammen, rauchten und schauten zu Boden. Dort stand eine Litfasssäule, beklebt mit großformatigen Plakaten für Musikshows, nun hing sie nackt und hohl in der Luft. Am Gleisbettrand der nahen S-Bahn-Station wird eine Werbewand nicht mehr beklebt, alte Schichten quellen auf oder reißen ab. Auf der anderen Seite der Station ist voll plakatiert. Der Trend geht zu Schaukästen, in denen alle paar Sekunden verschiedene Motive durchlaufen, oft begleitet von Reibegeräuschen. Litfasssäulen sind leise.

 

Gescheitert der Versuch, vor und in verschiedenen Raststättenrestaurants zwischen Berlin und Nürnberg einen werbefreien Anblick zu erwischen. Selbst beim Urinieren lief direkt vor dem tätigkeitsüblich leicht gesenkten Gesicht auf einem 10-Zoll-Display ein Werbefilm. Mit den Worten der Toilettenwerbungsfirma Swiss Invent: "Zielgerichtete, verlustfreie Werbung für Mann und Frau". Die Toilettenräume waren geschmackvoll gekachelt. Kein zusammenhängender Quadratmeter davon war sichtbar.

 

Sollte die abgeräumte Litfasssäule in meiner kleinen Straße ersetzt werden, dann wohl durch eine "Kultursäule". Die dafür zuständige Firma Ströer wie auch die Firma Swiss Invent werben damit, dass ihre Werbeflächen digital steuerbar seien. Vor jeweils einem Urinal der Raststättenrestauranttoiletten versprachen leere Displays in Dauerschleife: "Android is starting". Die Berlin möblierende Firma Ströer bietet auch die "Entfernung von Wildplakatierung" an.

 20. Februar 2019

 

 

Roomful of Teeth, Caroline Shaw's Partita for 8 Voices

Warm angezogenes Gedicht

Denk ich an meine Generation,

die bei Wind und Wetter mit halber Jacke geht -

Der Mantel, angelweit offen, flog mir hell vom Leib.

Ich kannte nicht Mütze, nicht Schal oder Handschuh.

Meine Gedichte, sie zitterten.

Eine Kaltfront zieht heran. Schamlos setzen wir Pelzmützen auf,

ich meine: du und ich.

Komm jetzt, schwing zur Tür herein. So leicht soll das sein.

Wie zwei Millimeter Naserümpfen,

und noch leichter als Schneeflockenfall.

Aber bitte fingerhebend wie das Wort Ja.

Die Vorratskammer ist voll. Wir bleiben zuhaus bis Montagfrüh.

Es geht jetzt um Wollpullover und Vorschneestille.

Unsere Kinder führen den Krieg der Scheinheiligen gegen die Heiligen.

Es ist unser Krieg. Wir wollen nichts davon hören.

Es geht jetzt um Hüttenschuhe und Pulswärmer.

Um Lavendeltöl und Melissentee.

Eine Kriegsfront ist nicht zu erkennen.

Wer ist bloß der verdammte Feind?

Wir sind so vernünftig, dass die Vernünftigen uns nicht verstehen.

Wie du zu meiner rechten Hand liegst

dich aufbäumst und in diese Mulde passt -

Es geht jetzt um Pockenimpfstoff für alle.

Gefahr für die Bevölkerung bestehe nicht.

Eine Physalis hoppelt dein Zwerchfell hinunter,

die reife Lychee lässt sich pellen wie ein Ei,

und eine Feder fliegt hoch aus dem Bett.

Ein Tag wie im gemachten Traum.

Komm her. Oben die Feder schwebt um ihr drittes Leben.

Es läuft auf einen Fernsehkrieg hinaus

mit Bergamotte-Duft und bunter Desinformation.

Wir bleiben die Exportnation, auch unbemannt.

Es liegt in den Familien.

Es liegt in uns.

Komm her.

1. Januar 2019