Tageslicht 15

Muskelkater

Jetzt war es ihr passiert.

Sie mochte diese Dinger eigentlich nicht, aber heute war Sonnenbrille angesagt. Sie gönnte sich ein zweites Frühstück in der Westcity. Wollte irgendwo sitzen, wo sie niemanden kannte, und niemand sie; wollte in Zeitschriften blättern und Leute anschauen, inmitten aller für sich sein, ihr früherer Lieblingsort. Jetzt war so ein Tag, wann sonst. Die Fremde trägt immer Sonnenbrille, oft raucht sie dazu, aber Oksana hatte noch nie geraucht. Es war der zweite von zwei freien Tagen, morgen hätte sie zwölf Stunden Dienst.

"Du hier? Wir haben uns lange nicht gesehen. Schön, dich wieder zu sehen!"

Über ihr hing das Gesicht von David. Er hatte sich auf dem Tisch abgestützt und beugte sich vor. Er trug einen Hut. Er war zu nah.

"Und selbst?"

"Was soll ich klagen: keine Geschäfte, keine Sorgen. Wohnst du hier in der Nähe?"

"Ich habe hier zu tun."

Der David, den sie kannte, hatte erst einen Teeladen, dann einen Kopierladen, dann einen Trödelladen gehabt. Aber vor ihr stand ein anderer, David zwei. Sie hatte ihn verlassen, weil ihre Affäre mit einem Fußballer ihm gleichgültig war. Mit dem Mann, dessen Gesicht ihr jetzt zu nahe war, dessen Aftershave sie biss, hätte sie nie etwas angefangen. Sie blätterte weiter in der Zeitschrift, eine Zeichensprache, die er verstand. Sie wusste nicht, was sie ihn fragen könnte. Sie wusste nicht, was sie ihn fragen wollte. David drehte sich zur Tür und begrüßte einen verschwommen Kerl, Jeansweste, zerschlissene Chinos, Basecap, Typ gescheite Existenz.

"Ich komme gleich noch mal zu dir", sagte David und verschwand mit dem anderen in die hinterste Ecke.

Sie schaute aus dem Fenster und betrachtete die Gangweisen und Fehlhaltungen der Leute. Ein Radler stand falsch zum Rad und bekam das Bein kaum über den Sattel. Sie sah über dem Po verschränkte Arme, um gegen Rückenleiden anzugehen.

Sie schlug die Beine übereinander. Ihre Bauchmuskeln kitzelten. Sie liebte die Körperspannung an Tagen nach dem Sport. Tage, an denen sie ihren Gang liebte, ihre Haltung. Sie spürte Sehnen, die sie nur aus der Theorie kannte, Partien, deren Namen sie jetzt wissen wollte, lokale Entzündungen, Muskelkater. Neu waren Schmerzen in äußeren Pomuskeln. Sie war gestern nach dem Sport bei ihm gewesen, zum ersten Mal.

 

Das Ende der kurzen und verdeckten Blicke, die ansteigende Temperatur hinten in der Schlingenecke, wo er neben ihr einen Neuling einwies, die Aufheizung dieser Ecke, in der sie standen, all das lief auf eine Aktion hinaus, und zwar zwingend. Die Sache regelte sich durch Ausschüttung Dutzender biochemischer Cocktails, deren Moleküle die Luft um sie herum zu einem Wunschhaufen verdickten, eine immobile, flüchtige Pheromonwolke. Die Sache regelte sich also von selbst. Einmal blieben sie auf einen Drink vorn an der Bar sitzen, ein anderes Mal begleitete sie ihn zur Bahn, beim nächsten Mal fuhr sie ihn nach Hause, und gestern hatte sie ihn zum ersten Mal in seiner Wohnung auf der Roten Insel in Schöneberg besucht. Ihn, der sie an David erinnert hatte. Das war vorbei. Wenn überhaupt, dann erinnerte er sie nur an ihre Erinnerung von David. Und auch das würde bald vorüber sein. David hatte sich nach dem Auftauchen an ihrem Tisch aus allen Vergleichen verabschiedet. Die beiden Männer hatten nichts miteinander zu tun.

"Nie wieder vormittags! Privatgespräche auf zehn Meter Entfernung. Nur alte Männer sind so."

"Oft erkenne ich Leute nicht wieder, wenn sie keine Sportsachen anhaben und in Straßenkleidung kommen oder gehen. Was war denn?"

"Willst du sagen, dass du mich nicht wiedererkennst?"

"Will ich das sagen?"

"Den Alten fehlt sozialer Sinn. Sie benehmen sich, als wären sie allein. Vielleicht fühlt es sich gut an, alle Scham fahren zu lassen. Hast du was im Kühlschrank?"

"Wonach ist dir?"

"Was denkst du?"

Eigentlich waren sie seit ihrer ersten Begegnung zwischen Schlingentrainer und Bodenmatte miteinander intim, dachte sie, während er sie durch seine Wohnung zu einer Fensterecke führte. Auf der anderen Straßenseite glänzte ein junges Bürohaus in der Sonne, im Erdgeschossschatten war eine Kantine. Drei Krähen wackelten über eine Terrassenbrüstung voller vertrockneter Pflanzen. Oksanas Blick schwenkte zum Schreibtisch mit Büchern, Broschüren und Blättern und stoppte vor einem Buddha, einem Mörser, einem Ohrensessel und einer Patchworkdecke auf der Liege. Schöne Farben. Stil. In seiner Wohnung war es kühl, Nordostseite. Sie setzten sich auf einen kleinen Balkon mit Blick zur Straße.

"Auf dein Wohl!"

"Salute."

Sie hätte über ihn herfallen können, aber man redete halt in so einer Situation. Er hatte einen doppelten Blick, sie wünschte sich auch einen. Einen vordergründigen aus Harmonie und einen zweiten aus harten Riffs.

Sie nahm den nächsten großen Schluck. Endlich wirkte das Zeug.

"Was schreibst du da?"

"Bedienungsanleitungen. Für Netzwerksteuerungen."

"Und sonst?"

"Produktbeschreibungen für einen Herrenausstatter, kurze Stories über Hosen- oder Jackenformen. Couture der schmutzigen Arbeitswelt fürs hochpreisige Freizeit-Segment. Stories über Stoffe und Webarten, faire Herstellung, Schilderung sozialer Nöte, zu denen die Produkte passen. Kitsch eben. Die Zielgruppe verdient gut, hält sich für unangepasst und will das zeigen."

Er strich sich eine Haarsträhne von der Stirn, streckte die Jeansbeine aus, Arme zur Seite, und legte seinen Kehlkopf frei. Er war unglaublich.

"Berge von Wörtern und Assoziationen für wilde Kerle nach siebzehn Uhr. Sie brauchen das, es gibt ihnen Sinn."

Was hatte er gesagt? Waren das nicht ihre Gedanken, die er gesagt hatte? Sie wünschte, sie sähe jetzt verwegen aus, schamlos, genau wie er.

 

Wann hatte sie zuletzt einen freien Tag wie diesen, den sie in der Westcity mit einem zweiten Frühstück verbrachte, oder einen freien Tag wie gestern, an dem sie ihn zum ersten Mal besuchte? Es gab keine freien Tage, außer an Wochenenden. Sie arbeitete zu viel, zu regelmäßig, morgen wieder zwölf Stunden Klinik; konnte sie vielleicht nicht nein sagen?

David rauschte an ihrem Tisch vorbei, Oksana hörte ein paar Wörter, ein später, ein Tschüs. Die beiden blieben auf der Straße stehen, schauten knapp in alle Richtungen und steckten die Köpfe zusammen.

Oksana ging die Hände waschen. Sie spürte beim Aufstehen das Kitzeln ihrer Bauchdecke, beim Gehen den Druck der Pomuskeln, im gluteus minimus mehr als im gluteus maximus, Andenken an ihren ersten Abend bei ihm.

 

Juli 2021

 

Sencha Uchiyama

Das Klima, das sind wir, du und ich. Wie schön es ist, draußen zu sitzen. Sinn ist eine Falle. Es gibt keine Natur zu retten, nur das Ganze. Gut, den nächsten Satz noch nicht zu kennen. Innere Mitte ist etwas für Leute, die sich Werte leisten können. Welche Kühle in den ersten warmen Tagen wohnt. Um halb drei gedacht, jetzt ist es wohl halb acht, aufgestanden und grünen Tee aufgegossen. Keine Zeit für Geschichten. In der Straße stehen mehr Bäume als Vögel singen. Die Theaterpause entlässt das Grauen. Gesegnet, wer sein Publikum sehen will. Natürlich völlig falscher Satz. Im Wohnzimmer gehen Gasflammen unter den Fenstern nicht mehr aus, in der Küche strömt Wasser von der Decke. Eine Stadt verändert ihre Bewohner. Keine Zeit für Geschichten, Zeit für Märchen aus Natur und Mitte. Der Freitag ist gut. Keinen Stress. Alles gut. Der Minister sagt, er tue etwas für die Menschen, und er sei bereit, diese Debatte zu führen. Abends leichter Wind. Je länger ich Menschen anschaue, desto weniger verstehe ich sie. Schaue ich sie noch länger an, so verstehe ich sie wieder. Wer ist ich, wer ist sie.

Februar 2021

 

 

Porolastic

Blauer leuchtender Trainingsanzug mit weißen Adidasstreifen, Polyacryl, ultramodern. Badehose mit weißen Seitenstreifen aus Porolastic, dem neuen Kunststoff. Bald eine weiße Badehose mit schwarzrotgoldenen Streifen, der große Stolz. Es war das vorletzte Schuljahr. Ich ging nicht mehr mit dem Vater schwimmen, sondern breitete mein Handtuch auf dem östlichen Tribünendach des Olympiabads aus. Wenige Leute dort, Überblick und Gelegenheit, in Ruhe schmale Joints zu rauchen. Einmal suchten zwei Mädchen in meinem Alter von unteren Rängen aus meine Aufmerksamkeit. In meiner roten Porolastic-Badehose ging ich zu ihnen hinunter. Wir tauschten Telefonnummern. Hübsche Mädchen hatten meistens weniger hübsche Freundinnen. Als ich Oksana von zu Hause aus anrief, nahm ich das Telefon dank eines neuen Sechs-Meter-Kabels von der Flurecke in mein Zimmer. Oksana wohnte bei ihrer Mutter, ihr Vater war Vertreter einer Schokoladenmarke, sie lebten getrennt. Oksanas Mutter hatte nun einen Arzt, der illegale Abtreibungen anbot. Von Anfang an war klar, dass ich sie und nicht sie mich besuchen würde. Ich hatte bis dahin noch nie Sex gehabt. An einem Samstagnachmittag zeigte sie mir nicht, wie es ging, sondern steckte ihn rein. Innerhalb weniger Sekunden der Erguss. Ich ging zur Autobahnhaltestelle und stieg in den 65er. Einmal stand ich in ihrer Küche und merkte, ich habe die Prüfungsfrage von Oksanas Mutter nicht zufriedenstellend beantwortet. Einmal lagen wir auf Oksanas Bett und hatten Sex, ihre Mutter öffnete die Tür und protestierte. Einmal stand ihr jüngerer Bruder in der Tür. Ein Jahr lang waren wir ein Paar und taten, was Paare tun, nur verreisten wir nie. Damals trug ich weiße adidas-Turnschuhe mit schwarzen Streifen. Heute sind die Streifen weiß und die Schuhe heißen Sneakers.

 Februar 2021

 

 

Hallo Regensburg! Hallo Graz!

 

1

 

Warum sehe ich mich doppelt, wie kam diese Idee in die Welt? Wir brauchen solche Bilder, alter Sack. Er trägt seinen Dreireiher von einer Seite zur anderen. Nach dem Refrain muss er rüber zur Saxofonistin, das ist Regie. Sie ist jünger als deine Töchter. Früher war hinter ihm die bunte Leinwand, jetzt sind rechts und links zwei weitere. Ab dreißigtausend geht das nicht anders, sagt Heiner. Dass Sie nie Ihre Texte vergessen, bei den vielen Liedern! Sie sind Teil von mir, wie Fingernägel. Das war in dieser Radiosendung, Fragen der Fans. Niemand sagt mehr Strophe. Vörs, wenn ich das schon höre, schreiben deutsches Zeug und sagen immerzu vörs. Wir brauchen den alten Sack doppelt und dreifach, und wir brauchen die junge Saxofonistin doppelt und dreifach. Herr Leander, Sie sind ein Teil von mir, wie meine Wimpern, sagte die Frau in der Sendung. Die war achtzig, zweite Generation deiner Fans, die erste lebt nicht mehr, das schafft sonst niemand, sagt Heiner. Gleich wirds dunkel, die Bridge kommt. Später am Abend sagt Heiner manchmal, Du schaffst sie alle. Früher ist Mario an dieser Stelle auf die Knie gefallen, später sank ein Knie auf den Boden, jetzt stellt er ein Bein aufs Podest des Drummers. Vor der fünften oder sechsten Generation meiner Fans setz ich mich an dieser Stelle hin. Ich versteh euch nicht! Niemand da, der mir Zeilen wie diese schreibt. Fünf Silben, würde für einen Kurzatmer wie mich passen. Wie alt ist diese Nummer eigentlich? Das war im Tschernobyl-Jahr, Schuhe vor den Türen, verbotene Pilze, und sie schoss in nullkommanichts auf Platz eins. Hallo Regensburg! Meine Stimme ist wie meine Fingernägel. Pflegen und hegen, schön und gut, aber das Rissige und Brüchige, das Schiefe kommt näher. Du musst zu dir stehen. Ich steh zu meinem Dreiteiler. Ich bin kein Schlagerrentner in Slim-Fit-Jeans und Muscle-Shirt, die Rolle spielen andere, besetzter Charakter. Ich komme mit Manschettenknöpfen. Ich sehe absolut nüchtern aus. Der Drogenkonsum meiner Fans ist mit mir nicht abgestimmt. Ich geb euch diesen hier, ihr macht euren da, zusammen sind wir schön. Das Leben ist einfach. Hallo Magdeburg! Ich stehe dazu, dass ich nicht tanzen kann. Es ist den Leuten egal, vielleicht stehen sie sogar darauf, dass ich nicht rumhample wie die anderen. Sie stehen darauf, dass die Kerle in der Band so alt sind wie du, sagt Heiner. Ich weiß es nicht. Er weiß es nicht. Sie stehen auf irgendwas, aber richtig. Heiner sagt, sie stehen auf all das, was hier fehlt, dieses schreiend Jugendliche alter Säcke. Der Arsch wird flach, ihr Slim-fit-Helden, auch wenn ihr ihn unters Messer legt. Hallo Rostock! Er steht dazu, dass er steife Hüften hat. Ich geb euch den Normalo, und ihr wollt auch nur normal betrunken und glücklich sein. Vielleicht ist es das. Wir wollen gar nichts weiter, allesamt, wir müssen das nur mal zulassen. Er findet diesen Schlussrefrain, neunmal wiederholt, viel zu lang. Schau sie dir an: Sie kriegen nicht genug davon. Ich versteh euch nicht! Nächstes Mal zwölf Wiederholungen, schlägt Heiner vor. Widerspruch vom Bandleader. Ich halte mich da raus. Die beiden mendeln das immer gut hin, die Zahlen stimmen jedenfalls, wir sind für eineinhalb Jahre ausverkauft, Heiner findet, das ist nicht viel. Zwei Herzen steht auf der Liste. Er hat sich lange dagegen gewehrt. Zu persönlich. Ich singe zwar oft ich, aber ich singe nicht von mir. Das musst du jetzt machen, hat Heiner gesagt, die Leute gehen auf die Knie, ich schwörs. Der Bandleader hat sich rausgehalten. Wir haben es zur Probe aufgenommen. Wir haben es zur Probe mal gespielt, in Remscheid. Zippo würde uns sponsorn, wenn sie das sehen. Heiner hat angerufen, sie wollen nicht. Ich sag mir immer, ist nur ein Liebeslied, zwei Herzen eben. Aber die Leute wissen Bescheid, in einer Minute fangen die ersten zu heulen an, ich schau nicht hin. Aber schau ich nicht hin, sehe ich die Leinwände rechts und links, und da sehe ich sie heulen. Auch noch in Großaufnahme. Wir brauchen diese Bilder, sagt Heiner. Er schaut nicht mehr hin. Wo sind die hellen Anzüge? Hallo Regensburg! Wir haben Anfragen, sagt Heiner seit Tagen. Daran, wie oft er sich wiederholen muss, merkt er, wie hart der Knochen ist, den er knacken will. Wenn wir Rostock durchhaben und die Tour eine Nacht lang abschließen, wird er die Antwort hören. Sind wir nicht für zwei Jahre ausgebucht, wird Heiner nervös. Er hat sich an drei Jahreskalender gewöhnt. Wenn er nur noch zwei benötigt, geht es los, bei einem dreht er langsam durch. Ich habe mich daran gewöhnt. Er wird eine Antwort hören, die er noch nicht kennt. Du wartest bis Rostock. Erst Magdeburg, dann Rostock. Hallo Regensburg! Keine Ansage vor Zwei Herzen, einfach Licht aus. Mario hört dem Wiedererkennen zu. Vier Takte, dann wissen sie Bescheid, vier Takte, und sie schnippen an Feuerzeugen. Nimm einen Schluck, zwei Drittel ohne Kohlensäure, ein Drittel Medium, jeden Abend. Schau auf deine Schuhspitzen. Noch einen Schluck. Schau an die Decke, die ausglimmenden Scheinwerfer. Eins, zwei, drei, vier, und schon gehts los. Eine Funzel über ihm. Fast dunkle Leinwände. Früher zwang ich mich, bei der Nummer nicht an mich zu denken, Ergebnis war das Gegenteil. Jetzt denkt er gar nichts mehr, heilige Routine. Aber jetzt fällt ihm ein, dass er nicht mehr dunkle, auch nicht graue, sondern helle Anzüge tragen will. Das eine Herz verlässt dich, das andere wartet schon, du bist nie allein, die Liebe geht zuletzt, das Leben ist schön, in der Art. Seitdem nie wieder einen Text geschrieben, nie wieder einen vörs, kourus, pri-kourus und Co. Für alle Zeit. Heiner wird sich an dem Knochen verbeißen. Anderthalb Jahre noch, dann Luftholen, kann anfragen, wer will. Wer bin ich? Ich versteh euch nicht! Ein paar Monate aufs Meer schauen. Himmel und Meer, essen und schlafen, trinken, lachen, Sonne, Nacht und Sonne, so ungefähr. Hört man Zwei Herzen als Liebeslied, ist ja das Irre, dass es so langsam wie ein Trauersong ist. Das funktioniert nicht, sagte Heiner, das ist nur ungewohnt, sagte Mario, wir probieren es in Remscheid, Heiner wollte nicht, aber Remscheid sagte ja. Mit Remscheid hatten sie gute Erfahrungen, der erste Auftritt nach der langen Pause fand in Remscheid statt. Nie wieder in Remscheid gewesen. Ich denke an nichts, so gehts am besten. Morgen Wiederholungskonzert. An dieser Stelle, Beginn der britsch, kann er sie atmen hören, und sie wissen es, und sie wissen, dass ich es weiß. Solche Momente. Bei jedem gigg diese zwei drei Sekunden, die Aufwand und Arbeit belohnen. Wenn wir zusammen sind, Leute, wenn die zwölf Typen hinter mir Pause haben, wenn Ruhe ist. Die hellen Anzüge müssen her, Heiner. Ich liebe sie alle, und ich will meine Ruhe haben. Und helle Anzüge.

 

 

2

 

Heute Graz!, schreit Heiners Stift mich rot von der Setlist an. Letztes Jahr Pfiffe wie nie, er hatte Hallo Wien! gerufen in Graz. Die Abfolge der Nummern im Rahmen des Bestehenden leicht verändert, mehr geht nicht. Fans haben Erwartungen. Seit Wochen Mario bleibt Mario!, egal wo. Seitdem schaut er vor jedem Auftritt in die Halle. Es gab öffentliche Zweifel. Gibt ja keine Vorhänge mehr. Luge ich irgendwie von der Seite. Oder schau auf einen Monitor mit der Totalen. Ich will den Kritikpegel kennen, wenn ich rauskomme. Bist du einfach nur kollegial, und dann so ein Rummel. Er tat Koka einen Gefallen, das Normalste der Welt. Es gab Diskussionen. Wenn Koka von den Patienten mich bittet, sage ich nicht nein, wie lange kennen wir uns? Wieviele gemeinsame Fernsehshows hatten wir? Nicht zusammen, klar, jeder bespielt sein Segment. Fans ist egal, dass Musiker sich mögen, die Verschiedenes machen. Koka von den Patienten bat Mario, ein paar Zeilen des seit langem ersten Patienten-Songs zu singen, eine Minute Social Media, Werbung. Mario sang auf Mario-Art mit, Heiner drehte mit dem Handy und stellte es auf Nikos Facebook-Seite. Damit habe ich nichts zu tun, das erledigen Heiners Leute. Zweitausendzweihundert Kommentare bis heute, davon zweitausend negativ, sagt Heiner. Ich schau mir das nicht an. Du bist nicht cool, schreiben sie, sagt Heiner, Was hast du mit diesen Punk-Schrammlern zu tun?, fragen sie, sagt Heiner, und Bleib so wie du bist. Seitdem diese Plakate, Zürich, München, Passau, Wien: Mario bleibt Mario! Sie warnen mich, den Kessler zu machen. Schnulzen-Kessler hatte in Lederzeug eine Heavy-Metal-Band gecovert. Verlass nie deine Fans bei laufendem Betrieb, sagt Heiner. Andererseits: Ja, andererseits. Eben. Ihr werdet sehen. Er war zwei Monate nicht zu Hause. Zweimal traf er Sylvia im Hotel, Mannheim oder Saarbrücken, er weiß es nicht, einmal in Köln, das weiß er genau. Dieselbe Suite wie immer. Diese Vorteile spürte er nicht mehr. Er kannte die Hallen, die Hotels, die Zimmer, Suiten, Bäder und Saunen. Seine Wohnung war groß, doch er sah sie nicht. Alles wie immer, bis zur Unsichtbarkeit. Ich versteh euch nicht! Nein, keine neuen Termine nach Dezember nächsten Jahres. Ich werde eigensinnig, schönes Gefühl. Klar verstehe ich euch. Kaum haben sie den Kurzausflug in helle Anzüge verkraftet, macht der Alte das nächste Problem! Punk-Schrammler, mein Gott, diese lieben Jungs. Wir sind Schauspieler, Leute, aber das sagen wir nicht. Wir sitzen in unseren Anzügen fest, Die Patienten genau wie Kessler und ich, so ist die Stellenbeschreibung. Im nächsten Schritt komme ich ohne Jackett, darf ich das? Mario hat Pläne und behält sie für sich. Nur Sylvia weiß Bescheid. Ohne sie hätte er nicht überlebt, sagt er manchmal. Helle Anzüge gehen nicht, sagte sie, lass das sein. Sie hatte recht, ich sah aus wie ein Ferienclubanimateur. Ganz hinten ein einzelnes Plakat, Lass die andern sich verändern, ansonsten Friede in Graz. Eine Platte noch in diesem Stil, Doppel-CD, Bonus-Tracks, DVD, Songbook, Merchandising-Rattenschwanz. Als Schreiber nur bewährte Leute, keine Veränderung, hundert Prozent Mario, wie ihr ihn kennt. Dazu im Hidden-Track die Botschaft an euch. Ich bin so alt, ich habe das Recht, mir treu zu sein. Ich schwimme längst im nächsten Meer, ohne Übergang, du blickst auf die Karte und siehst, du bist einen Ozean weiter, für dich das Allernächste, für andere eine ferne Welt. Da müsst ihr durch. Ich nehm wieder den anthrazitfarbenen, ihr bekommt, was ihr kennt. Ich versteh euch nicht! Er suchte Leute mit Ideen für seine Idee, genau umrissen, feste Vorstellung beinah, er suchte lange und wagte es nicht. Nun weiß er, er wird es versuchen, egal was Heiner sagt. Vielleicht nicht nur Hallo Graz! heute, sondern mit Entschuldigung für vergangenes Jahr, sowas wie Graz ist Graz oder Graz bleibt Graz. Nein, sich entschuldigen heißt an einen Fehler zu erinnern, das will niemand hören. Bleib so wie du bist. Ohne Sylvia hätte ich nicht überlebt. Manchmal schießt es mir durch den Kopf. Manchmal will ich mich erinnern an das Glück in mir nach vielen Stunden ohne Herz und Lunge, als ich ohne Hilfe oder Begleitung allein gehen konnte und nicht aus dem Staunen kam, wie schön das Leben ist. Ich will mich daran erinnern, nur es gelingt nicht wie sonst. Alles ist selbstverständlich geworden, selbstverständlich schöner. Warum gelingt mir das Lebensstaunen nicht? Mario fing an, über einen Wechsel nachzudenken, eine Abbiegung auf seinem Berufsweg, keine Vollbremsung, eher eleganter Schwenk auf die richtige Abfahrt. Ich erinnere mich genau. Es war in der Waldbühne. Fünfundzwanzigtausend, eingeheizt vom Kessler und voller nicht mit mir abgestimmter Drogen, die Band fängt an, ich singe, die Leute schreien, und zwei Züge fahren lange aneinander vorbei, hier die Band, dort die Aufgekratzten, und eine Seite sieht von der anderen nur das Fluchtbild. Nach der Show ein Absturz wie zu Anfangszeiten, als Erfolg nur besoffen auszuhalten war. Am nächsten Tag, Ruhetag, lange durch den Grunewald, dann so lange geschlafen, bis manches anders war. Am nächsten Tag wusste er, es müsse sich etwas ändern. Am übernächsten vergaß er es. Ohne Sylvia hätte ich nicht überlebt. Müssen es immer schwarze Schuhe sein? Muss es immer Krawatte sein, muss ich sie jedesmal in der zweiten Hälfte erst öffnen, dann ablegen? Der Anzug ist zu eng, Heiner. Nein, nicht der anthrazitfarbene. Der große, der ganz große, das Package. Heiner wäre der letzte, der ihm hilft. Mario ist auch Heiners Werk. Das ist so lange her, ich weiß nicht mehr. Es hat sich ergeben. Ich versteh euch nicht! Jetzt mal Schluss mit der Grübelei, hier ist Graz, Hallo Graz!, schön, wieder hier zu sein undsoweiter. Und wo ist mein Dezi Grauburgunder, fünfzehn Minuten vor dem Auftritt? Heute Graz, nächste Woche Stuttgart und Offenbach, dann ist Schluss für dieses Jahr. Heiner war sein Glücksgriff, vor dreißig Jahren, nach der ersten Erfolgswelle, als Mario nicht mehr bei der Sache war. Wir müssen arbeiten, sagte Heiner, viel mehr arbeiten. Mario hatte keine Ahnung von Konzepten, zehn Jahre lang trug ihn die Welle, er war der Größte und glaubte daran, bis Jüngere wie der Kessler übernahmen. Da hätte er sich totgesoffen ohne Heiner. Dieses Jahr nur noch zwei TV-Aufzeichnungen, dann Sylvia und Meer. Nach den Wohnungen auf der Insel schauen, die Umbauten abschließen. Sonne. Hallo Graz!

Dezember 2020

 

 

 

Abstand und Anstand. Angehaltene Welt

 

1

 

Das dem Begriff Respekt innewohnende Berücksichtigen (respectus) wurde in den letzten Jahren oft im Sinne eines Heruntersehens angewandt. Alltag im neoliberalen Autoritarismus verrät selbst in kleinsten Splittern sein Mantra: Ich habe mehr, ich komme weiter, kaufe selbst Unkäufliches. Mein Besitz ist mein Panzer. Oder "Unterm Strich zähl‘ ich" (Postbank). "Ich habe Respekt vor A." hieß in dieser eben mal angehaltenen Welt so viel wie: "Ich habe nichts mit A. zu tun. So soll es bleiben." Die smarte Variante des "Ich schau auf dich hinab". Die Adult-Version des kleinkindlichen "Erster!"

 

Den Atem Wartender im Nacken zu spüren, mit dieser Nötigung zur Hetze ist es fürs Erste vorbei. Zwei Flüge mit deutschen Touristen werden in Teneriffa Süd gleichzeitig abgefertigt, die Schlange ist länger als man gucken kann. Auch weil alle in vorgeschriebenem Abstand hintereinander stehen und sich in Ruhe lassen. Ich trete aus dem Geschäft, eine Frau auf dem Gehweg bleibt stehen. Ich ebenso. Gebe ihr Zeichen, dass sie den Vortritt hat. Lächeln. Ich trete aus einem Waldweg auf den Hauptweg, von rechts und links Leute. Ich warte. Lächeln. In Berlin.

 

Die aktuelle, schnellerneuerte Variante des Begriffs Respekt nähert sich wieder dem respectus, dem Berücksichtigen. Wir respektieren uns, denn wir haben mehr Gemeinsames als Trennendes. Die Sorge um unser Leben, ums Überleben. Wir haben Anstand, denn wir halten Abstand. Vor dem Virus sind wir gleich. Die Lehre des Virus lautet: Wir sind gleich verletzbar.

 

Ich mache mir nicht vor, dass es dabei bleiben wird. Der Sinn für abgestimmtes Miteinander in kleinsten Alltagssequenzen wird schwinden, sobald die Maschine wieder Fahrt aufnimmt. Gute Vorsätze werden ins Vergessen sacken. Niemand wird auf Gedanken kommen, Bäckerei- oder Supermarktangestellte seien systemrelevant. Aber noch ist dieser Moment bestens geeignet, jene Floskeln auszumisten, die der neoliberale Autoritarismus uns in die Hirne gesetzt hat.

 

 

2

 

Rechte Zeit, Sprachreste des Wirtschaftsautoritarismus auszumustern, da sie vorerst nicht benötigt werden. "Auf Augenhöhe" sagte man gern, um Gleichheit oder Ähnlichkeit zu bezeichnen. Gleichheit des Wissens, der Urteilskraft, einer Fähigkeit. Mit jemandem auf Augenhöhe war mehr möglich, verstand man sich besser als mit – es gab kein Gegenteil dazu. Annähernde Gleichheit gilt in der Casting-Gesellschaft als Ausnahme. Auf sie wird extra hingewiesen. Unter der Hand meint die Augenhöhe auch so etwas wie "mir würdig, mir angemessen". A propos "würdig": Wie oft las ich, jemand sei einer Sache würdig. Immer unbelichtet dabei, wer das sagt, wer Würde zuteilt.

 

Da keine Sportereignisse mehr stattfinden, ist nichts zu hören von Top-Ereignissen mit Top-Akteuren oder Top-Stars, die Top-Events bedienen, mit Top-Einschaltquoten. Zur Zeit macht jeder nur sein Ding.

 

Früher manchmal die Frage, wie diese Welt aussähe, wenn der neoliberal-autoritäre Wahnsinn Pause machte. Heute Teile einer Antwort. Seit Teilnehmer zwei Meter auseinander sitzen, sind Talkshows Gesprächsrunden. Der Ernst des einzigen Themas tut den Rest. Bis neulich saßen da Lautsprecher nebeneinander, Ausgangsmodule, die ihr Eingangsmodul, das Mikro, allein zum Reizempfang benötigten, die die Lautsprecherfunktion aktivierte. Auf den Applaus des Studiopublikums hin gesprochen. Auch das ist nicht mehr da.

 

Die heilige Welt des Konsums wird kurzerhand für schädlich erklärt. "Nur das Nötigste" ist erlaubt. Andernorts wirst du krank. Besser hätte man es auch vor den "Maßnahmen zur Kontakteindämmung" (Robert-Koch-Institut) nicht ausdrücken können.

 

Ein Spiel ohne Grenzen ist nur in seinen eigenen Grenzen vorstellbar. Einmal hört das Spiel auf. Es steht still. Man sucht nach erneutem Start. Es gibt keinen Zweitstart am selben Ort, in der selben Zeit. Es gibt keinen Neustart des Alten.

März 2020