Tageslicht 13

Über die Folgen der Normendiktatur des Kapitalismus

Die Wirtschaft boomt, aber die Einkommen stagnieren. Der internationale Finanzsektor legt ein Pleitendomino hin, und Bürger bezahlen die Rechnung. Erwerbsarbeit wird prekär oder befristet. Der ärmste Teil der Bevölkerung wird praktisch aus der Gesellschaft ausgestoßen. Und eine neue Qualität von internationalem Terrorismus beeinträchtigt das alltägliche Sicherheitsempfinden.

 

Für Wilhelm Heitmeyer sind das alles typische Kennzeichen der Gegenwart, er nennt sie „Signaturen der Bedrohung“. Und Ergebnisse eines „autoritären Kapitalismus“. Der sei verantwortlich für Folgeerscheinungen wie soziale Desintegration, Kontrollverlust über das eigene Leben, oder für die Wahrnehmung, trotz Teilnahme an demokratischen Verfahren nichts zu bewirken. Eine Kettenreaktion, die zum Ruf nach Richtungsgebung führt.

weiterlesen

27. Oktober 2018

 

 

Wissen, was nicht gut tut und es trotzdem tun

Ich schaue über einen weiten Platz auf ein Imbisshäuschen und eine Bushaltestelle. Links im ehemaligen Rathaus befindet sich seit Jahren ein Flüchtlingsheim. Hinter mir sitzt ein Pärchen mit Kleinkind, das ich nicht höre, links neben mir eine junge Frau, die sich durch eine Wochenendausgabe arbeitet, rechts eine ältere, deren Tabakrauch zu mir zieht. Ich sehe Bilder meiner zehn Tage auf der Lungenstation. Leute gehen vorbei, nebenan ist ein Supermarkt. Manche sind schon in Ausgehgarderobe unterwegs. Fahrradfahrer. Kein Wind und wohlige Wärme.

 

Eine Frau setzt sich auf die Bank am Baum. Sie zieht ihr Handy hervor, schaut kurz drauf und dann zu uns hier Sitzenden. Sie verdeckt den Blick zur Bushaltestelle. Will sie uns etwas mitteilen? Nein, sie sitzt nur da und schaut uns an. Merkt sie es?

 

Mir ist es unangenehm, wenn Fremde mich länger anschauen als im Stadtleben üblich. Ich frage sie nicht, ob wir uns kennen. Oder was sie sagen will. Sie würde vielleicht nur mit den Achseln zucken. Und signalisieren, dass ich sie belästige. Während ich mich, hier sitzend, doch von ihr, ja, belästigt fühle. Das Imbisshäuschen, die Haltestelle, die breite bewachte Pforte des Flüchtlingsheims, die Weite des Platzes, sie sind aus meinem Blickfeld verschwunden, seit jemand uns anschaut, als seien wir im Zoo.

 

Zoobesucher wiegen sich in Sicherheit. Orang-Utans sitzen einfach da und gucken zurück. Manchmal geht ihnen das Geglotze auf die Nerven und sie spucken gegen das Glas oder strecken die Zunge raus. Im Grunde sind ja sie es, die, wie im Zoo, eine sich vorbeiwälzende Meute anstarren ohne zu fürchten, dass ihnen weiteres angetan wird.

 

Jetzt bleibt ein Mann vor dem Café stehen, blickt kurz aufs Handy und schaut her. Ich mag es auch nicht, wenn jemand an einem Ort des Sitzens, zum Beispiel im Restaurant, länger steht als nötig. Ich meide Absauger von Aufmerksamkeit, die fürs Datenziehen selbst nichts bieten. Wenn schon, dann bitte mit einer kleinen Showeinlage oder ähnlichem.

 

Warum stört mich das, wenn jemand da steht, wo andere sitzen? Der Vater war ein Aufmerksamkeitsab- und -aufsauger. Aber ich habe gelebt. Ich bin nicht mehr sein Kind, obwohl ich weiß, mein Leben lang bin ich sein Kind. Aber mit Hinweisen auf die frühe Prägung will ich mich nicht davonkommen lassen. Als ich in der Lungenstation lag, war mir alles andere übrigens egal. Ich befand mich in einem klar definierten Tunnel. Mein Leben war so übersichtlich wie nie zuvor.

 

Eben hat sie sich zur Seite gedreht. Nun starrt sie Leute an, die aus dem Supermarkt kommen. Ich beginne sie zu vergessen. Der Platz vor mir öffnet sich wieder. Auf das Imbisshäuschen drüben wurde neulich geschossen. Mehrmals. Scheiben zerstoben, niemand verletzt. Vielleicht eine Warnung. Mehr hat man seitdem nicht gehört.

 

Im letzten Sommer spielten Flüchtlingskinder hier auf dem Platz. Ihre Mütter in langen Gewändern gingen ein und aus, immer an drei vier Bewachern vorbei, die in der Pforte stehen. Leute, die Schutz suchen, müssen geschützt werden. In diesem Jahr gibt es dieses Reinraus nicht mehr. So ist das. Eben Jubelschreie von der Straßenseite hinter dem Platz. Bayern liegt 0:2 zurück. Die Liga wird vielleicht wieder spannend. Die Elite ist nichts, was man schützen muss.

 

Die Frau links von mir will den Rauch der Frau rechts von mir nicht haben. Ich will ihn auch nicht haben. Aber wir sitzen unter freiem Himmel. In einer Großstadt. Man weiß, was einem nicht gut tut und tut es trotzdem. Vielleicht würden Raucher das Rauchen lassen, wenn sie ahnten wie es wenige Stunden vor der großen Operation in den Liebsten zugeht.

 

Manchmal rutschte die Hand des Vaters mit Wucht hinunter, es war die Zeit, das war normal. Er schaute mich an, ich wollte nicht angeschaut werden. Oft sagte er nichts und schaute nur hart. Ich schmolz in den Boden. Erstmal. Um seiner Pantomime zu entkommen, stattete ich mich später mit Scheuklappen aus. Reichte das nicht, dann senkte ich den Blick. Ich wollte bei mir sein. Erst bei mir war ich ich.

 

Seit einer Weile boxen zwei Jungs aus dem Flüchtlingsheim auf dem Platz gegeneinander. Sie führen schnelle und präzise Schläge aus und stehen etwas zu weit entfernt, um sich zu treffen. Sie spielen es gut. Sie haben oft Boxern zugeschaut. Eine Limousine rollt heran und hält auf ihrer Höhe. Der Fahrer spricht sie an. Sie sprechen mit dem Fahrer. Der Motor läuft.

 

Gut, es war die Zeit, man schlug seine Kinder, manche mehr, andere weniger, andere gar nicht. Aber ich habe, wie gesagt, gelebt. Irgendwie ist es billig, jetzt über die Eltern zu klagen. Andersrum: Kann ich dem Vater nicht auch dankbar sein? Seine Machtpantomime schärfte meine Sinne. Demagogen, Wahrheitsprediger, Hausierer des Durchblicks hatten bei mir keine Chance. Ich erkannte sie sofort. Wie sie sich aufbauten und blähten. Ich konnte sie von Autoritäten unterscheiden. Das schwere Auto ist davongerollt, die Jungs boxen wieder. Die Abgaswolke weht herüber. Sie macht mir Angst. Kein Flüchtlingsjunge.

 

Eine Rollstuhlfrau versucht etwas zu verkaufen, Heft oder Zeitschrift, ich weiß es nicht, es interessiert mich nicht, ich schaue den boxenden Jungs drüben zu. Ich sage freundlich nein. Übrigens hasse ich Leute, die arme Menschen nicht achten. Die Frau fragt, ob ich ihren Rollstuhl über die Schwelle des Cafés schieben könne. An der Schwelle mache ich irgendwas falsch. Sie knickt vornüber und ich sehe sie aus ihrem Gefährt fallen. Dann erst kapiere ich. Blockiere ein Hinterrad mit der Schuhsohle und drücke den Wagen hinten runter, so dass er sich vorne hebt.

 

Die Frau, die bis eben auf der Bank saß, ist aufgestanden, weil ihre Verabredung gekommen ist. Sie schauen auf die freien Stühle hier, aber es ist ihnen wohl zu kühl, draußen zu sitzen, drinnen ist es voll, und sie gehen weiter. Endlich freie Sicht. Ich schaue aufs Handy. Die Bayern liegen immer noch 0:2 zurück.

 

Freie Sicht ist wichtig, klar. Freier Raum ist gut. Eine Seele braucht Platz. Ein Ichsein findet in Räumen statt. Ohne Raumgefühl kein Ichgefühl. Ich liebe Eigengeräusche von Räumen. Es sind Erweiterungen des Gehörs. Und es ist das umrissene Feld, innerhalb dem gehört wird. Es gibt Leute, die schon lange zu hören sind, ehe man sie sieht. Sie pfeifen fast ohne Pausen, sie pusten, sie zischen. Aber nicht, wenn sie allein sind, sondern wenn sie Räume anderer wittern. Heute morgen stöhnte ein Bewohner der Überholspur am Ende seiner Trainingseinheit so zudringlich, dass ich meine Übungen abbrach, weil ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Später sah ich ihn Dehnübungen machen am belebtesten Platz in der Trainingsarena. Auch so einer.

 

Fünf Businessleute fallen aus einem Hauseingang, rauchen und reden. Ein Bettler stellt sich neben sie und sagt leise seinen Spruch auf. Sie schenken ihm nichtmal einen Blick. Doch der Bettler bleibt da stehen. Und er ist noch nicht fertig, denn er spricht jeden einzeln an. Als er ohne Erfolg weitergeschlurft ist, reden sie über ihn. So lange sie da draußen stehen, reden sie über nichts anderes mehr.

27. Oktober 2018

 

 

Lallismus (2): Das Berliner Jazzfest auf dem Weg zum finalen Eröffnungswerk

Von musikalischen Paralleluniversen, kreativen Grenzgängen und kollektiven Visionen – mit dem Programm für 2018 gestaltet das Jazzfest Berlin Kontraste, sucht Herausforderungen und eröffnet Begegnungsräume. Es kreiert Zeitkapseln, reist in die Zukunft und blickt in die Vergangenheit, fordert Utopien, fördert freie Geister, will bewegen, denken, grooven, tanzen ... Am 1. November steht mit dem „Haus of Jazz“ die große Eröffnung mit zehn Acts und zahlreichen Deutschlandpremieren auf allen Ebenen des Festspielhauses an. Nicole Mitchell und das Black Earth Ensemble eröffnen den Abend auf der Großen Bühne, doch zuvor schon lädt die interaktive Performance „FutureLeaks: Umschlagplatz der Visionen“ zu einer utopischen Erfahrung und das Berliner KIM Collective spielt seine Carte Blanche und kreiert auf der Unterbühne des Hauses den „Un(ter)ort“ – ein musikalisches Echo auf das oberirdische Geschehen. Zwischenspiele auf vier Bühnen eröffnen musikalische Paralleluniversen und das Haus als freie Bewegungsfläche, um abschließend zum finalen Eröffnungswerk von Rob Mazureks „Exploding Star International: Chicago-Berlin‘‘ auf der Großen Bühne zusammenzufinden.

6. September 2018

 

 

Beißreflexe der Schnellkommentierer

Da ist eine Website mit 19 kurzen Videoclips. Junge wie Alte, Männer wie Frauen sind unzufrieden mit ihrer persönlichen Situation und/oder der gesellschaftlichen Lage. Wer will, kann sich auf der Website eintragen. Angeblich haben sich dort in den ersten Wochen über 50.000 Menschen registriert. Seit vielen Monaten ist bekannt, dass es Sahra Wagenknechts und Oskar Lafontaines Idee ist. Es gibt kein Programm und keinen Hinweis auf das weitere Verfahren, außer, dass es am 4. September irgendwie losgeht. Also eine Art Marketing des leeren Zentrums. Und es funktioniert.

weiterlesen

22. August 2018

 

Metropole Orkest & Henrik Schwarz, Enschede 2017

Brushy One String, No Man Stop Me (Good Morning Mister Sun)

Unsere Mitläufer

Die meisten sagen Fitnessstudio, einer sagt Turnhalle, andere nennen es Muckibude. Die Etage befindet sich auf einem ehemaligen Fabrikgelände, neben Großhändlern, Zwischenlieferanten, Theaterschulen und Tonstudios. An drei Vormittagen in der Woche hatte dort Kröte das Sagen. Irgendjemand nannte diesen Lautsprecher der Gefoppten und Betrogenen einmal Kröte, seitdem hat er seinen Namen weg. Kröte war nichts ohne die paar Figuren um ihn herum, die ihm zuhörten. Er schien den Tag lang Nachrichtensender zu sehen und sich alle Zahlen zu merken, jedenfalls stimmten sie meistens, und er gab auch durchaus korrekt wieder, was in der Bild-Zeitung, auf n-tv oder sonstwo Thema war. Kröte war nicht nur das Echo unserer Presse, eine Pressekritik, die selbstverständlich kein Echo unserer Presse mehr war, lieferte er gleich mit. Im besten Fall also ein wacher Zeitgenosse, im schlimmsten Fall, wie diesem, ein Schwätzer, Aufwiegler und Hassprediger. Drei Vormittage waren für mich tabu, weil Kröte dann von Gerät zu Gerät ging und seinen Zuhörern erzählte, wie schlimm alles sei. Nun musste ich doch einmal an einem der gemiedenen Vormittage zum Sport gehen und plante bereits, wie ich Krötes Schallwellen ausweichen könnte. Aber dann sah ich ihn nicht, das heißt, zuerst hörte ich ihn nicht, was mich sehr wunderte, und dann schaute ich mich um. Er war nicht da. Einer seiner üblichen Zuhörer hing in der Beinpresse wie ein Sack Kieselsteine. Auf Kröte und seinen anderen Zuhörer angesprochen, sagte er, der eine mache Urlaub, der andere nehme sich mal eine Auszeit. Ich wusste nicht, wer wer war. Jedenfalls ging ich wieder auch an den gemiedenen Tagen zum Sport. Neulich war Krötes zweiter ständiger Zuhörer dann aus dem Urlaub zurück, ein Sachse oder Thüringer, der Kröte stets treu ergeben lauschte und griente. Nun sah er verloren aus mit seiner Trinkflasche, die er eng vor der Brust hielt. Niemand redete mit ihm. Nun wurde auch nicht mehr über Kröte gesprochen, etwa in der Art: Wo ist denn der Quatschkopf? Krötes Mitläufer distanzierten sich ja in seiner Abwesenheit auch gern von ihm, obwohl sie seinen Hass auf dies und jenes, das anders war als sie selbst, stets genossen und sich dabei an den Blicken der überraschten unfreiwilligen Zuhörer ergötzten. Sie gingen aber sofort auf Distanz, wenn Kröte, ihr Redner, außer Blickweite war. Später hätten sie von nichts etwas gewusst, nur ihr kleines Leben gelebt, und die Zeiten, sie wären eben so gewesen.

6. Mai 2018

 

 

Gesundheit ohne Lobby

Seit die Bundesrepublik Deutschland besteht, hat sie sich mit ihrem wirtschaftlichen Erfolg internationales Ansehen erarbeitet. Hier hat Vorrang, was sich rechnet. Das ist die Prägung dieses Landes, das ist sein Leitmotiv. Auch im dritten Jahr des Abgasbetrugs mehrerer Automobilkonzerne wird dieses Thema folglich als wirtschaftliches Problem verhandelt und kaum einmal wird gesundheitspolitisch argumentiert. Im Mittelpunkt stehen negative Folgen für Autoproduzenten ebenso wie für ihre Konsumenten, und natürlich wird für den Fall eventueller Eingriffe schon mal auf bedrohte Arbeitsplätze verwiesen. Der Abgasbetrug ist offenbar nur eine Rechenaufgabe. Ich meine, falsche Angaben zu Schadstoffwerten sind ein Angriff auf die Gesundheit der Bevölkerung. Zur Zeit wird übrigens darüber diskutiert, ob die Messstationen nicht vielleicht zu nah an Straßenrändern stehen.

weiterlesen

2. Mai 2018

 

 

Lallismus (1): Das Berliner Theatertreffen stellt seine Veranstaltungsreihe "TT Kontext" vor

"Wer können „wir“ sein und warum sind wir es noch nicht? Was bestimmt unsere Sicht auf die Welt? Und wie dekolonisieren wir unser Denken? TT Kontext, das neu konzipierte Diskursprogramm des Theatertreffens, lädt dazu ein, sich selbst zu verlieren – am besten gemeinsam! 2018 steht es unter dem verbindenden Begriff „Unlearning“. Gemeint ist damit eher ein „Umlernen“ als ein „Verlernen“, ein Infragestellen von Altbekanntem, eine Umverteilung von Wissen und ein Beiseitelassen von Realität(en). In vier Schwerpunkten werden Themen der gezeigten Inszenierungen aufgegriffen und in Gesprächsrunden, Panels und Workshops neu betrachtet: „UNLEARNING Patriarchat“ hinterfragt etablierte Vorstellungen von Männlichkeit und starre Rollenbilder, „UNLEARNING 1. Klasse“ beschäftigt sich mit der sozialen Ungerechtigkeit, die aus der kapitalistischen Lebensweise des Westens herrührt, „UNLEARNING Theater“ untersucht Verantwortlichkeiten auf und hinter der Bühne, und „UNLEARNING History“ begibt sich auf eine Reise durch die Geschichte(n), die uns ausmachen."

25. April 2018

 

 

The Danish National Symphony Orchestra spielt The Good, the Bad and the Ugly von Ennio Morricone

Barbara Hannigan und das Göteborg Sinfonie Orchester: Mysterien des Makabren von György Ligeti

We are KOKOKO!

Herzliche Grüße

Sie hebt die Arme von sich weg,

so dass ihr Herz, vom Wind bedeckt,

in meinem Sommer steht.

 

Ihr Kerl zieht Bleistift und Block

und rechnet schonmal durch,

hebt seinen Blick, der pocht.

 

Gravitation, das war einmal,

Fleisch im Fleische, will es bleiben.

Schaut mich an, so lange schon.

 

9. Januar 2018