Tageslicht 16

Kerker

Donnerstag. Langeweile im Hörsaal, nur wir beide sitzen noch hier, während draußen - es ist Pause - das Betriebsgelage beim italienischen Wein hockt. Zeit also, über ihn nachzudenken. Wir sind in Graz, und der Hörsaal wird von einem Literatursymposion in Beschlag genommen. Er hatte seinen Auftritt heute Morgen, ich habe meinen Auftritt morgen früh. Er spricht mit niemandem hier, als einziger. Man tuschelt hier über jene, die mit anderen entweder deutlich oder gar nicht reden. Mir ist es zu anstrengend, so konsequent zu schweigen wie er. Ich habe wohl andere Feinde, andere Blößen. Ich hielt ihn damals, als wir uns ein paar Tage lang sahen, für einen Streber, und halte ihn heute noch für einen, in der Variante des besten Anti. Das Anti ist seine Rolle. Lesen die anderen von Lüge vor, so sagt er in seiner Rede zweihundertmal Wahrheit. In meiner Rede kommen beide Wörter nicht vor. Er hat die Gelegenheit zu einem kurzen Wortwechsel ausgeschlagen, das bringt mich dazu, mir in der Pause, während der Hörsaal leer ist und nur wir beide hier sitzen, diese Gedanken über ihn zu notieren. Ich wünsche ihm, dass er seine Rolle durchhält, und ich vermute, dass er es nicht schaffen wird. Am Ende oder vorher ziehen wir das Outfit ab, die Signale, und dann wird wenig übrigbleiben, das ahne ich. Heute, über fünfunddreißig Jahre später, da ich meine damalige Notiz zum ersten Mal abtippe, weiß ich es. Natürlich interessieren mich auch die Reden der anderen, aber persönlich interessiert mich hier niemand so wie er. Das verstärkt er durch seinen Entzug, er weiß es. Es verbietet sich ihm, seine Anwesenheit, die er durch Unerreichbarkeit aufpumpt, zu schmälern, er darf hier niemanden kennen, nur so funktioniert seine Show. Es ist lächerlich, und trotzdem lasse ich mich, unterstützt durch die Langeweile während der ausgedehnten Pausen zwischen den Lesungen, auf einen, mehrere Gedanken über so eine heikle, selbstverräterische Sache ein. Ich bilde mir ein, ihn zu mögen, er verbietet sich, so etwas zu denken. Das Programm geht weiter.

 

Sonntag. Auch die anderen Autoren denken über seine Absonderung nach, aber anders, gehässig, sie kennen ihn nicht, sie sehen den Konkurrenten. Er hat dann öffentlich eingelöst, was alle ahnten und befürchteten, indem er am letzten Tag auf die Bühne stieg und Noten verteilte und fast alle mindestens zu Ärschen erklärte. Nur mich nicht. Mit mir habe er sich schonmal unterhalten, sagte er, daher sei er bereits korrumpiert. Dann gingen wir unserer Wege.

 Herbst 1984/Herbst 2021

 

 

Zähne

Ist sie es? Ist sie es nicht? Sie sieht ihr ähnlich, ganz klar. Zwei Kerle und sie, Schwule, warum erkenne ich das? Will ich das wissen? Das Messer ist zu stumpf, um eine Pizza zu schneiden. Warum schaut sie gleich zu meinem Tisch? Ist sie es doch? Etwas ist mit ihren Zähnen, sie kann nicht richtig kauen. Wieviele Bewegungen ein Kiefer braucht, um irgendeinen Krümel kleinzukriegen. Ich weiß das, es war eine Qual. Damals traute ich mich kaum, den Mund aufzumachen und checkte jeden Menschen, mit dem ich sprechen musste, als erstes darauf, ob er meine schlechte vordere Zahnreihe betrachtete. Und ob er die Stirn in Falten zog. Dabei sah man meine Zähne kaum noch. Mit den vielen Jahren hatte ich mir eine Mundstellung zugelegt, die meine Ruinen nicht mehr entblößte. Sie sind hungrig, alle drei, und schieben Salzstangen in sich rein, noch bevor sie etwas bestellt haben. Wenn sie es ist, dann haben unsere Zähne eine entgegengesetzte Entwicklung genommen. Sie hatte damals gute Zähne und lachte gern, lachte mit weit offenem Mund, und ich beneidete sie darum. Sie schaute nie auf meine marode obere Zahnreihe oder die nikotingelbe untere. Bei ihr fühlte ich mich sicher. Lange her, dass ich meine Baustellen reparieren ließ, ich konnte mich kaum noch erinnern, wie es sich früher anfühlte. Bis jetzt. Nun, da ich sie beobachte, weiß ich es wieder. Nach jedem Bissen putzt sie sich den Mund mit der Serviette ab. Sie hat keine Scheu, mit einem Finger zwischen zwei Zahnstellen zu fahren, um Reste freizulegen oder rauszuholen. Sie schiebt die Happen endlos hin und her, von Stummel zu Stummel, in der Hoffnung auf Verkleinerung. So habe ich es damals getan, es war mir unangenehm. Ich erkenne nicht, dass es ihr unangenehm ist. Sie ist schon vom Kauen der Salzstangen erschöpft, und das Abendessen steht noch nicht einmal auf dem Tisch. Ich könnte sagen, sie sollen mir ein anderes Messer bringen, aber ich habe die halbe Pizza schon gegessen und langsam den Bogen raus, wie ich zurechtkomme, also sage ich nichts. Sie vollführt regelrechte Kaukämpfe. Ich glaube, sie ist es, und sie will nicht zugeben, dass sie mich gesehen hat, ähnlich wie ich bei unserer letzten Begegnung in einem anderen Restaurant in einem anderen Bezirk nicht zugeben und zeigen wollte, dass ich sie bemerkt hatte. Das Zahnproblem geht auf ihre ganze Körperhaltung über, hundert Muskeln strengen sich an, sie bräuchte nur zehn. Selbst die Hände sind verkrampft. Sie will etwas festhalten, vielleicht sich selbst. Und trinken, immer wieder trinken, weil das ein paar Speisereste lösen könnte, an die sie mit der Zunge nicht rankommt. Ich erinnere mich, dass ich oft zu früh geschluckt habe, weil ich mich nicht ewig mit den nur halb zerstörten Happen in meinem Mund beschäftigen wollte. Andere waren schneller mit dem Essen fertig. Ich sehe sie und erinnere mich an mich und erinnere mich an sie und mich und sehe sie, worin ich mich sehe, wie ich einmal ausgesehen haben muss. Das Messer war nicht scharf genug, sage ich zum Schluss, hätten Sie Bescheid gesagt, hätte ich Ihnen ein anderes gebracht, sagt er.

23. November 2021

 

 

Alles neu

Ich denke mir das nicht aus. Es gibt Belege, Urkunden, Bescheinigungen. Es gibt Zeugen. All die Sachen in meiner Wohnung stammen nicht aus den vergangenen paar Jahren, die ich einigermaßen vor mir sehe. Ich muss vieles mitgebracht haben. Eines der letzten Bilder der Vorzeit, vielleicht auch das erste Bild der Jetztzeit: An einem durchgeregneten Frühwintertag steht ein schwarzer Mercedes Sprinter, die lange Version, auf dem Gehweg vor meinem alten Haus und wird einen Vormittag lang von vier Männern freundlich und stark vollgeladen. Das nächste Bild: Ich sitze auf dem Boden der neuen Wohnung und schaue die ausgeladenen Kisten und Bretter an. Aber nur blass sehe ich mich die alte Wohnung ausräumen, nur blass sehe ich mich die neue Wohnung einrichten. Danach muss mein Leben begonnen haben, also dieses. Und alles spricht dafür: Ich muss einmal der gewesen sein, der ich nicht mehr bin.

 19. November 2021