Tageslicht 16

Aus den Seemann-Papieren:

Kein Thema

Am Tag, als Seemann zum ersten Mal "mein Freund" zu mir sagte, spielte er den neuesten heißen Metal-Scheiß vor, dem ich schon deswegen lustlos zuhörte, weil See mich anstarrte und erwartete, dass ich auf die Musik abfuhr. Erst beim sechsten oder siebten Song und nachdem er mich nicht mehr anglotzte, war ich auf Linie.

"Hammer."

"Du stehst drauf, ich wusste es."

"Ist überhaupt nicht meine Richtung."

"Erzähl nicht sowas."

"Mir gefällt nur der Text."

Seemanns Tüten waren so locker gedreht, dass beim Weitergeben Glut herausfiel, dachte ich in dem Moment, als ich sah, dass zwei Krümel auf meiner neuen Hose verglommen. See grinste, fragte, warum ich in solch beschissenen Hosen rumlaufen würde und drehte das Metal-Brett lauter. Ich erzählte irgendwas von Stil, er hörte es nicht, ich auch nicht. Er war klein und bewegte sich nur, wenn es nötig war. Wenn er mal vors Haus ging, dann im weißen Overall. Er fuhr Taxe, damit er krankenversichert war. Seinem Chef war die Festanstellung wichtiger als der Ertrag. Für jeden Angestellten gab es eine Subvention. Westberlin. Jeder hatte was davon.

Wir fuhren ein bisschen durch Schöneberg und zogen eine Autofahrtüte durch, also wir cruisten und hörten Steely-Dan-Nummern, und Leute, denen wir zu langsam waren, gaben verschiedene Huptöne dazu. Der Stress der anderen war nicht unserer, wir waren in der eigenen Wolke. Bisher hatte ich während Sees Kurzbesuchen bei Knolle immer draußen gewartet.

"Komm ruhig mit rein, mein Freund", sagte er.

Auf dem zweiten Hof klopfte er gegen eine Tür, die sich sofort öffnete und Knolles Rücken zeigte. Er brüllte ins Telefon. Er war ein bulliger Typ und sein Gesicht war staubgrau. In seiner Werkstatt lagen Schrott, Müll und undefinierbares Zeug herum, genau wie er von einer Mischung aus Staub und Sägemehl bedeckt. Knolle knallte den Hörer auf, schaute mich aus Knopfaugen an, gab mir seine Hand und zerquetschte meine fast. See nahm die ausglimmende Tüte vom Aschenbecherrand und blies ein paar Ringe.

"Kunden!", sagte er, "zu vornehm, aus der Hüfte zu kommen. Ich höre, wie er um Zuspruch bettelt, aber er will Zuspruch mit Gewalt. Musste erstmal drauf kommen. Also beschimpfe ich ihn. Zack: Auftrag im Kasten."

"Leute kommen an, weil sie was wollen, und sind sie da, haben sie es vergessen."

"Der Kaufmoment nebelt ins Gehirn hinein."

"Wir verstehen uns."

"Das ist mir neu."

Knolle fand auf Schrottplätzen Präzisionsmetalle mit minimalen Ungenauigkeiten, die für die Industrieproduktion unbrauchbar waren. Er bezahlte die eingesammelten Zahnräder und Kugellager nach Gewicht. Oder er suchte in Wäldern nach ausdrucksstarkem Altholz. In einer Ecke der Metallschrott, in der anderen das Altholz. Zentrum der Werkstatt war eine quadratische Metallplatte mit angeschraubten Fräsen und Schleifmaschinen. Eine Wand voller Werkzeuge in akkurater Reihung.

"Dreh mal einen."

Seemann legte ein dickes Stück vor mich hin. Ich drehte einen, rauchte ihn an und gab ihn Knolle.

"Wo warst du die ganze Zeit? Dachte schon, wär was passiert."

"Ging alles ziemlich schnell. Glaubst du nicht. Der Mann von Bibi Herr. Absolut lockerer Typ. Wohnt eine Etage über München, alles vom Feinsten, und fragt mich, ob ich was für ihn hätte. Kein Thema, sag ich, neue Räume, neues Licht, dafür bin ich da. Haben wir erstmal einen durchgezogen. Ist auch nur ein Freak."

"Gib mal weiter", sagte Seemann.

Knolle behielt die Tüte in der Hand.

Auf der Arbeitsplatte Innenringe eines Kugellagers, poliert, Teile eines ausgehöhlten Weißbuchenstamms, Fassungen für Leuchten. Knolle schob ein paar Teile ineinander, stellte sie zu etwas wie einer Skulptur auf und redete weiter, ohne die Tüte von den Lippen zu nehmen.

"Am Ende siehst du nur das Weißbuchenteil, logisch, und aus dem Hohlraum wachsen Strahlen durch die Löcher des Kugellagerrings, sieben feine Lichtkegel, logisch mit Dimmer, sind Nachttischlampen."

"Bibi Herrs Nachttischlampen?"

"Bibi Herrs Nachttischlampen."

Danach war die Tüte abgebrannt.

Knolle griff sich einen uralten Vorwerk-Staubsauger, schraubte das Gewinde auf, zog aus dem Staubbeutel eine Platte hervor und entpackte sie sorgsam.

"Libanese, wie immer. "

"Zero?"

"Zero Zero, was denkst du!"

See orderte eine halbe Platte, ich ein Stück von der Größe meines Daumens. See sagte, er bezahle beim nächstes Mal.

"Kein Thema", sagte Knolle.

Ich drehte noch einen und rauchte ihn mit Seemann zu drei Vierteln weg, den Rest gaben wir Knolle. Der brachte uns zur Tür.

"War mir eine Ehre. Kommt mal wieder vorbei".

 

Das fällt mir ein, weil Bibi Herr und ihr Sohn gestern in einer Talkshow saßen. Seit ungefähr einem Jahrhundert war Bibi Herr eine bekannte Schauspielerin. Sie plauderte von sich, Mann und Söhnen, alle im Erfolg, die Story vom Filmstar, dem Immobilienschieber und dem Rennwagendesigner. Bibi Herr sah unglaublich frisch aus. Sie war die Mutter dieser ältlichen Tucke neben ihr, die sich Designer nannte? Sie hatte sich früh genug minimale Korrekturen gegönnt, sie wusste, wie es ging.

Im neuen Film gab sie eine Siebzigjährige. Es sei wohl nicht weniger schwer, sie zu einer Frau ihres Alters hin zu schminken, als sie zwanzig Jahre jünger aussehen zu lassen, schleimte der Moderator sie an und merkte nicht, wie schlecht er schleimte. Bibi Herr wäre auch als deutlich Jüngere durchgegangen. War sie nicht schon siebzig? Keine Zahlen. Jedenfalls musste ich abwechselnd an Knolle, an Betty und an Bibi Herrs Schlafzimmer denken, deren Ehebett von zwei Lampen aus Weißbuche mit Kugellagern flankiert waren, die sieben feine Lichtkegel in die Luft schossen.

 

Ein halbes Jahr nach unserem Kennenlernen hatte Knolle zwei Dutzend Mal den Vorwerk-Staubsauger für mich aufgeschraubt. Jetzt wollte ich endlich meine Schulden begleichen.

"Kein Thema", sagte er, "komm vorbei".

Das war an dem Tag, als Betty nach ihrer Kyoto-Reise bei mir auftauchte. Sie malte und schrieb Gedichte. Sie sammelte Literaturpreise wie andere Frauen Schuhe, wurde ständig zu gut honorierten Lesungen eingeladen, oder sie wohnte Aufenthaltsstipendien in aller Welt ab, zuletzt in Kyoto. Sie war 1.85 groß, unglaublich blond und hatte Gelenke aus Gummi. Wir teilten gewisse sexuelle Interessen. Wenn sie von Reisen kam, rief sie mich sofort an, um ihren Reisebericht loszuwerden. Für gewöhnlich zog sich ihr Referat sehr lange hin, denn ich fragte gern nach Details, Details interessierten mich besonders.

"Du bist der beste Zuhörer, den ich kenne", sagte sie, "du glaubst nicht, wie mich das anmacht."

Ich wusste es.

Sie war schon eine Weile bei mir, wir rauchten die dritte Tüte. Betty erzählte von komplizierten japanischen Jungs, die sie begehrte. Meine Nachfragen nach Details erregten sie. Ihre Antworten erregten mich. Sie räkelte ihren sehnigen Körper hin und her, ich interpretierte das Zeichen und räumte Zeug vom Schreibtisch.

Danach fiel mir ein, dass ich Knolle versprochen hatte, an diesem Nachmittag meine Schulden zu begleichen. Ich schaute andauernd zur Uhr auf dem Fensterbrett.

"Ich muss dir noch die Sache mit Haruto erzählen."

"Der, der Röcke trug?"

"Und die mit Sakura, ein süßes Ding."

"Auf deiner Karte stand was von ihr."

"Vielleicht bin ich ja lesbisch."

Ich rief Knolle an und erzählte ihm irgendwas von Betty, die bei mir sei.

"Kein Thema", sagte er, "bring sie mit".

"Dauert noch ein bisschen."

"Kein Thema."

Alles, was auf meinem Schreibtisch lag, war sie.

"Mit Sakura saß ich in einem Café über dem Kamogawa, das Wasser glitzerte, wir nahmen uns in den Arm und blieben so sitzen, und jedesmal, wenn ich meine Finger bewegte, lachte sie und brachte meine Finger wieder in ihre Ausgangsstellung, so ging das eine Stunde lang, und ich sage dir, ich habe meine Hände kein Stück vorwärtsbewegen können. Am Ende waren sie immer noch da, wo sie nach unserer Umarmung gelandet waren. Du glaubst nicht, wie mich das angemacht hat!"

"Komm doch einfach mit", sagte ich zu Betty, als wir wieder mal fertig waren und ich zwei Zigaretten anzündete, "ich zeige dir die Arbeitsplatte von Knolle."

"Jetzt?"

"In Geldsachen versteht Knolle wenig Spaß. Danach gehen wir essen, schön mit Vorglühen."

"Ich will tafeln mit dir."

"Du kennst mich."

Auf dem Weg zu Knolle erzählte sie von ihrem Versuch, mit Haruto, einem japanischen Maler, eine Nummer auf die Arbeitsplatte ihres Stipendatinnenzimmers zu legen, bis sie kapierte, dass er asexuell war.

"Danach bin ich in ein Pornokino gegangen, aber aus dem Tag wurde nichts mehr."

Als wir bei Knolle ankamen, war er aufgeregt, irgendwas stimmte nicht. Sein Organ war kleinlaut. Er redete mit dem Telefonhörer und mit uns gleichzeitig. Etwas hatte die staubgraue Schicht von seinem Gesicht gewischt.

"Ich muss für eine halbe Stunde weg, eine Kuh vom Eis holen."

Ich hörte, er redete mit seiner Frau, einer fröhlichen Zwei-Zentner-Erscheinung.

"Ja, meine Blüte, ich gehe jetzt los."

Er zog ein Jackett über, das zu klein war und kämmte Staub aus den Haaren.

"Und wir warten hier auf dich?"

"Kein Thema. Ich vertraue euch. Macht es euch gemütlich."

Weg war er. Hatte sein Grinsen etwas zu bedeuten?

"Gemütlich?", fragte Betty.

Wir schauten auf Knolles verstaubte Arbeitsplatte, auf Weißbuche und Kugellager, die Buche schon geschliffen, das Kugellager poliert. Der Staubsauger lag in zwei Teilen auf dem Boden. Der Staubbeutel fehlte. Betty drehte einen. Ich zog zwei Bier aus dem Kühlschrank.

 

"Bibi Herr, als ich jung war, wollte ich Sie heiraten!", sagte der Moderator. "Aber es hat leider nicht geklappt."

"Haben Sie darunter gelitten?"

"Ziemlich lange, wenn ich ehrlich bin."

"Schauen Sie: Als ich jung war, wollte ich Mick Jagger heiraten. Das hat auch nicht geklappt."

"Wie sähe die Welt wohl aus, wenn wir die geheiratet hätten, in die wir so richtig verknallt waren, als wir so richtig jung waren?"

"Was meinen Sie?"

"Bibi Herr, was würden Sie sagen, wenn ich sagen würde, dass wir uns schon mal begegnet sind?"

"Wenn Sie sagen würden, wir seien uns schonmal begegnet, würde ich Sie fragen, wo wir uns schonmal begegnet sein sollen."

"Nun, ich würde sagen, dass ich hier gar nicht ins Detail gehen wolle."

"Wie viele Leute schauen uns im Moment zu?"

"Die genauen Zahlen sehe ich erst morgen früh."

Der Moderator schwitzte. Er versuchte, die Ausfahrt aus dem Thema zu erwischen. Aber Bibi Herr stand ihm genussvoll im Weg.

"Ich glaube, Zuschauer lieben Details."

Dann kam ein blöder Einspieler, und ich zappte weiter durch den Freitagabend. Inzwischen kannte ich Bilder ihres Schlafzimmers, weil Knolle die Plazierung seiner Objekte rechts und links des Bibi-Herr-Ehebetts herumgezeigt hatte. Inzwischen habe ich Betty eine Weile nicht mehr gesehen, vermutlich ist sie irgendwo anders auf dem Erdball und ruft mich an, wenn sie zurück ist.

 

An jenem Tag saß sie auf Knolles Arbeitsplatte zwischen zwei Rillenkugellagern und strich ihre Fingerspitzen über die Dichtscheiben und ihre Öffnungen.

"Was ist, wenn er früher zurückkommt?"

"Was soll sein?"

"Stimmt auch wieder. Als ich in Kyoto Haruto Modell stand, interessierte der sich nur für Details. Während der ersten Session malte er meine Achseln, beim zweiten Mal meine großen Zehen, find ich beides nicht so prickelnd. Dann war er total begeistert von meinen vorstehenden Hüftknochen. Ich sollte mich auf die Seite legen, so ungefähr."

Sie streckte ein Bein aus, winkelte das andere an und zeigte ihren Hüftknochen.

"Dann fuhr er auf diese Kuhle hier ab und begann sie zu bemalen. Das machte mich total scharf. Aber für ihn war das nur die Kuhle eines Körpers. Ich wurde fast irre."

"Und dann?"

"Ich glaube, er hat mir gern zugeschaut."

Als wir fertig waren, verschmierte sie unsere Nässe auf der Buche.

 27. November 2021

 

 

Aus den Seemann-Papieren:

Der Dealer und die Hure

Meine Besuche bei ihm liefen immer gleich ab. Ich zog die Schuhe aus und setzte mich auf die Matratze am Boden. Wir hörten Musik und zogen an Tüten. Zum Schluss fischte er eine dunkelbraune Platte aus dem Brotkasten neben der Matratze, schnitt ein Stück ab, hängte es an die Waage und sagte, heute sei ich besonders gut bedient. Ich bedankte mich und zischte ab. So ging das Jahr um Jahr.

 

Damals wohnte er mit Ufo zusammen, einem U-Bahn-Zugabfertiger. Sie teilten sich eine Vier-Zimmer-Wohnung in der City. Eines Tages zog Seemann bei ihnen ein; manchmal hatten mein Dealer und er Streit, und nachdem die beiden sich einmal hart geprügelt hatten, begann eine dicke Freundschaft. Ein paar Jahre später zog mein Dealer da aus, der Grund war eine Blondine, die schon monatelang auf seiner alten Matratze gelegen hatte, ganz als gehörte sie zu ihr. Hasch bekam ich jetzt in der neuen Wohnung der beiden, die in einem anderen Bezirk und seltsamerweise gleich neben meinem Kindheitshaus lag.

 

Die Schuhe auszuziehen war weiterhin Pflicht. Nur saß ich jetzt in einem Ledersessel, der gut in die Wohnzimmer unserer Eltern gepasst hätte, und ein Fernseher lief. Der Aufstieg meines Dealers von der Bodenmatratze zum Bettgestell war verbunden mit einem kürzeren Haarschnitt, und seine Frau hatte aufgehört als Hure zu arbeiten. Ihr wuchs das Blonde aus den Haaren, und sie war nun Hurenberaterin. Ansonsten blieb alles beim Alten. Wir rauchten eine Tüte, er ging zum Brotkasten, schnitt ein Stück ab, hängte es an eine Waage, und am Ende sagte er, heute sei ich besonders gut bedient.

21. November 2021

 

 

Zähne

Ist sie es? Ist sie es nicht? Sie sieht ihr ähnlich, ganz klar. Zwei Kerle und sie, Schwule, warum erkenne ich das? Will ich das wissen? Das Messer ist zu stumpf, um eine Pizza zu schneiden. Warum schaut sie gleich zu meinem Tisch? Ist sie es doch? Etwas ist mit ihren Zähnen, sie kann nicht richtig kauen. Wieviele Bewegungen ein Kiefer braucht, um irgendeinen Krümel kleinzukriegen. Ich weiß das, es war eine Qual. Damals traute ich mich kaum, den Mund aufzumachen und checkte jeden Menschen, mit dem ich sprechen musste, als erstes darauf, ob er meine schlechte vordere Zahnreihe betrachtete. Und ob er die Stirn in Falten zog. Dabei sah man meine Zähne kaum noch. Mit den vielen Jahren hatte ich mir eine Mundstellung zugelegt, die meine Ruinen nicht mehr entblößte. Sie sind hungrig, alle drei, und schieben Salzstangen in sich rein, noch bevor sie etwas bestellt haben. Wenn sie es ist, dann haben unsere Zähne eine entgegengesetzte Entwicklung genommen. Sie hatte damals gute Zähne und lachte gern, lachte mit weit offenem Mund, und ich beneidete sie darum. Sie schaute nie auf meine marode obere Zahnreihe oder die nikotingelbe untere. Bei ihr fühlte ich mich sicher. Lange her, dass ich meine Baustellen reparieren ließ, ich konnte mich kaum noch erinnern, wie es sich früher anfühlte. Bis jetzt. Nun, da ich sie beobachte, weiß ich es wieder. Nach jedem Bissen putzt sie sich den Mund mit der Serviette ab. Sie hat keine Scheu, mit einem Finger zwischen zwei Zahnstellen zu fahren, um Reste freizulegen oder rauszuholen. Sie schiebt die Happen endlos hin und her, von Stummel zu Stummel, in der Hoffnung auf Verkleinerung. So habe ich es damals getan, es war mir unangenehm. Ich erkenne nicht, dass es ihr unangenehm ist. Sie ist schon vom Kauen der Salzstangen erschöpft, und das Abendessen steht noch nicht einmal auf dem Tisch. Ich könnte sagen, sie sollen mir ein anderes Messer bringen, aber ich habe die halbe Pizza schon gegessen und langsam den Bogen raus, wie ich zurechtkomme, also sage ich nichts. Sie vollführt regelrechte Kaukämpfe. Ich glaube, sie ist es, und sie will nicht zugeben, dass sie mich gesehen hat, ähnlich wie ich bei unserer letzten Begegnung in einem anderen Restaurant in einem anderen Bezirk nicht zugeben und zeigen wollte, dass ich sie bemerkt hatte. Das Zahnproblem geht auf ihre ganze Körperhaltung über, hundert Muskeln strengen sich an, sie bräuchte nur zehn. Selbst die Hände sind verkrampft. Sie will etwas festhalten, vielleicht sich selbst. Und trinken, immer wieder trinken, weil das ein paar Speisereste lösen könnte, an die sie mit der Zunge nicht rankommt. Ich erinnere mich, dass ich oft zu früh geschluckt habe, weil ich mich nicht ewig mit den nur halb zerstörten Happen in meinem Mund beschäftigen wollte. Andere waren schneller mit dem Essen fertig. Ich sehe sie und erinnere mich an mich und erinnere mich an sie und mich und sehe sie, worin ich mich sehe, wie ich einmal ausgesehen haben muss. Das Messer war nicht scharf genug, sage ich zum Schluss, hätten Sie Bescheid gesagt, hätte ich Ihnen ein anderes gebracht, sagt er.

19. November 2021

 

 

Alles neu

Ich denke mir das nicht aus. Es gibt Belege, Urkunden, Bescheinigungen. Es gibt Zeugen. All die Sachen in meiner Wohnung stammen nicht aus den vergangenen paar Jahren, die ich einigermaßen vor mir sehe. Ich muss vieles mitgebracht haben. Eines der letzten Bilder der Vorzeit, vielleicht auch das erste Bild der Jetztzeit: An einem durchgeregneten Frühwintertag steht ein schwarzer Mercedes Sprinter, die lange Version, auf dem Gehweg vor meinem alten Haus und wird einen Vormittag lang von vier Männern freundlich und stark vollgeladen. Das nächste Bild: Ich sitze auf dem Boden der neuen Wohnung und schaue die ausgeladenen Kisten und Bretter an. Aber nur blass sehe ich mich die alte Wohnung ausräumen, nur blass sehe ich mich die neue Wohnung einrichten. Danach muss mein Leben begonnen haben, also dieses. Und alles spricht dafür: Ich muss einmal der gewesen sein, der ich nicht mehr bin.

 19. November 2021