Tageslicht 15

Abstand und Anstand. Angehaltene Welt

 

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Das dem Begriff Respekt innewohnende Berücksichtigen (respectus) wurde in den letzten Jahren oft im Sinne eines Heruntersehens angewandt. Alltag im neoliberalen Autoritarismus verrät selbst in kleinsten Splittern sein Mantra: Ich habe mehr, ich komme weiter, kaufe selbst Unkäufliches. Mein Besitz ist mein Panzer. Oder "Unterm Strich zähl‘ ich" (Postbank). "Ich habe Respekt vor A." hieß in dieser eben mal angehaltenen Welt so viel wie: "Ich habe nichts mit A. zu tun. So soll es bleiben." Die smarte Variante des "Ich schau auf dich hinab". Die Adult-Version des kleinkindlichen "Erster!"

 

Den Atem Wartender im Nacken zu spüren, mit dieser Nötigung zur Hetze ist es fürs Erste vorbei. Zwei Flüge mit deutschen Touristen werden in Teneriffa Süd gleichzeitig abgefertigt, die Schlange ist länger als man gucken kann. Auch weil alle in vorgeschriebenem Abstand hintereinander stehen und sich in Ruhe lassen. Ich trete aus dem Geschäft, eine Frau auf dem Gehweg bleibt stehen. Ich ebenso. Gebe ihr Zeichen, dass sie den Vortritt hat. Lächeln. Ich trete aus einem Waldweg auf den Hauptweg, von rechts und links Leute. Ich warte. Lächeln. In Berlin.

 

Die aktuelle, schnellerneuerte Variante des Begriffs Respekt nähert sich wieder dem respectus, dem Berücksichtigen. Wir respektieren uns, denn wir haben mehr Gemeinsames als Trennendes. Die Sorge um unser Leben, ums Überleben. Wir haben Anstand, denn wir halten Abstand. Vor dem Virus sind wir gleich. Die Lehre des Virus lautet: Wir sind gleich verletzbar.

 

Ich mache mir nicht vor, dass es dabei bleiben wird. Der Sinn für abgestimmtes Miteinander in kleinsten Alltagssequenzen wird schwinden, sobald die Maschine wieder Fahrt aufnimmt. Gute Vorsätze werden ins Vergessen sacken. Niemand wird auf Gedanken kommen, Bäckerei- oder Supermarktangestellte seien systemrelevant. Aber noch ist dieser Moment bestens geeignet, jene Floskeln auszumisten, die der neoliberale Autoritarismus uns in die Hirne gesetzt hat.

 

 

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Rechte Zeit, Sprachreste des Wirtschaftsautoritarismus auszumustern, da sie vorerst nicht benötigt werden. "Auf Augenhöhe" sagte man gern, um Gleichheit oder Ähnlichkeit zu bezeichnen. Gleichheit des Wissens, der Urteilskraft, einer Fähigkeit. Mit jemandem auf Augenhöhe war mehr möglich, verstand man sich besser als mit – es gab kein Gegenteil dazu. Annähernde Gleichheit gilt in der Casting-Gesellschaft als Ausnahme. Auf sie wird extra hingewiesen. Unter der Hand meint die Augenhöhe auch so etwas wie "mir würdig, mir angemessen". A propos "würdig": Wie oft las ich, jemand sei einer Sache würdig. Immer unbelichtet dabei, wer das sagt, wer Würde zuteilt.

 

Da keine Sportereignisse mehr stattfinden, ist nichts zu hören von Top-Ereignissen mit Top-Akteuren oder Top-Stars, die Top-Events bedienen, mit Top-Einschaltquoten. Zur Zeit macht jeder nur sein Ding.

 

Früher manchmal die Frage, wie diese Welt aussähe, wenn der neoliberal-autoritäre Wahnsinn Pause machte. Heute Teile einer Antwort. Seit Teilnehmer zwei Meter auseinander sitzen, sind Talkshows Gesprächsrunden. Der Ernst des einzigen Themas tut den Rest. Bis neulich saßen da Lautsprecher nebeneinander, Ausgangsmodule, die ihr Eingangsmodul, das Mikro, allein zum Reizempfang benötigten, die die Lautsprecherfunktion aktivierte. Auf den Applaus des Studiopublikums hin gesprochen. Auch das ist nicht mehr da.

 

Die heilige Welt des Konsums wird kurzerhand für schädlich erklärt. "Nur das Nötigste" ist erlaubt. Andernorts wirst du krank. Besser hätte man es auch vor den "Maßnahmen zur Kontakteindämmung" (Robert-Koch-Institut) nicht ausdrücken können.

 

Ein Spiel ohne Grenzen ist nur in seinen eigenen Grenzen vorstellbar. Einmal hört das Spiel auf. Es steht still. Man sucht nach erneutem Start. Es gibt keinen Zweitstart am selben Ort, in der selben Zeit. Es gibt keinen Neustart des Alten.

März 2020