Tageslicht 17

Wieder-Holung

Früher rauchte ich das Zeug. Heute esse ich es. Einnahme um 11 Uhr. Wie lächerlich fand ich ähnlich buchhalterische Einträge bei Benjamin! Nach dem Mittagsmenu Siesta, so ist der Plan. Aber liegend gleite ich in eine sehr andere Welt. Der Radiosprecher ist so langsam, dass ich mich in jeder Silbe umschaue und manches Wort bewohne. Kleinste Gedanken werden zu Gebäuden. Mit jedem neuen zerbröselt, verschwindet jenes, das kurz zuvor in Pracht erschienen war. Die Bildschwenks wechseln zügig. Sie laufen ab. Jedes Festhalten bedeutete den Ausstieg aus dem flow und ein Ende dieser eigenzeitlichen Welt.

 

Nach dem Hören hinter den Augen die große Schau. Ich träume bei wachem Bewusstsein? Am Anfang Formen und Muster. Manchmal schließt man die Augen und sieht, nach einer Erschöpfung oder nach zu viel Kaffee, Bewegliches. So auch hier. Nur, bei Formen bleibt es nicht. Aus ihnen werden Figuren und Bilder; aus Standbildern werden bewegte, sich in andere Bilder verwandelnde. In welche Richtung die Schau sich entwickelt, liegt in meiner Macht, ohne dass ich Macht über den Fortgang hätte. Als würden die Bilder nach kurzer Zeit schlecht, verblassen sie. Ich befinde mich ständig vor Gabelungen und wähle einen der angebotenen Wege. Am Ende jedes mal langen, mal kurzen Weges, die Rede ist von Sekunden, erscheint die nächste Gabelung. Ich sehe Filmsequenzen. Ich schlafe nicht. Ich kann nicht schlafen. Wach liegend, träume ich? Nach knapp zwei Stunden Liegen werde ich etwas geschlafen haben, ohne es gespürt zu haben.

 

Ähnliche Geschichten haben wir uns mit achtzehn, neunzehn zu erzählen versucht und sind ebenso an der Sprache des Wachseins gescheitert wie ich heute, da alle Einzelbilder und Denkgebäude mit dem Auftauchen des nächsten Ereignisses verschwinden. Es gibt keine Erinnerung, die jeweilige Gegenwart ist zu stark. Der halbwache Zustand dabei erinnert an einen Schlaftraum, über den man manchmal sagt, die Wahl gehabt zu haben, wie er weiterging. Ich bin Zuschauer und Regisseur zugleich oder abwechselnd. Es gibt keine Grenzen, keinen Anfang und kein Ende. Nur diesen Zustand der Gedanken- und Bilderflüsse. Was fest erscheint, löst sich auf.

21. November 2022

 

 

Can in Soest

1970 zeichnet der WDR für die Sendereihe "Mixed Media aus Soest" ein Konzert der Veranstaltungsreihe "Karussell für die Jugend" auf. Hier hat die deutsche Band Can ihren ersten TV-Auftritt. Die Bühne ist klein. Auf einer Leinwand darüber Bilder der Aufzeichnung in Echtzeit, gefilmt von vier unübersehbaren Kameras, auch Zuschauende sind im Bild: Schüler, Lehrlinge, Berufsanfänger. Sie sitzen auf dem Boden oder stehen. Wildlederschuhe, Haare vor der Stirn, enge Hosen und enge Pullover. Die Kamera der Totale hält in ungeschmeidigen Zoom-Bewegungen drauf. Es sind Jungs, die zuerst tanzen, nach zehn Minuten werden immer mehr Köpfe geschüttelt. Die Mehrheit bleibt reglos und mustert die Musiker. Der Sänger scheint seine Texte zu erleiden.

 

Schnitt vor dem zweiten der acht Stücke, die Can spielen. Zwei Jungs, etwas älter, mit langen Koteletten und Sakkos, ein Kleidungsstück, das außer ihnen nur die Kameraleute tragen, sitzen auf der Bühnenkante und schauen zum Publikum, drehen die Köpfe allerdings zur Leinwand hinter sich, prüfen ihre Erscheinung dort, oder drehen sich zu den Musikern um. Hinter der Bühne zwei Jungs in Rollkragenpullovern mit verschränkten Armen. Oft zeigen die Kameramänner ein Mädchen mit einer Blumenbrosche im Haar. Ein anderes schickt Seifenblasen in die Menge. Tanzbewegungen werden heftiger, die Skepsis mancher Gesichter bleibt konstant. Geschlossene, verschlossene Münder. Harte Jungsgesichter. Ein paar Paare. Freundlicher Applaus, nicht von allen.

 

In Minute 23 den Typen mit der Pfeife im Mund entdeckt, der älter aussieht als er ist und es so will. Stoischer Beobachter, Checker. Nach einer halben Stunde sind nur noch die Harten hart. Frühes Multitasking einer Zuhörerin: Headbangen und dabei ein Buch lesen. Minute 41: Das Seifenblasenmädchen zerbeißt ein Piece und tut es in die Purpfeife. Sie zündet die Pfeife an, in Großaufnahme. Nach einer knappen Stunde verliert die Regie das Interesse am Publikum und der Regisseur an der Regiearbeit. Zwei Kameras halten auf die Band, fertig. Auf der Leinwand ist nun zu lesen: "Rund 700 Millionen Analphabeten 1970. Fast jeder 3. Erwachsene kann nicht lesen und schreiben."

 

Eineinhalb Stunden lang Blicke auf Menschen, die ein paar Jahre nach Kriegsende geboren wurden, Blicke in Gesichter einer anderen Zeit. Ihre Härte wäre heute schwer zu finden. Heutige wurden vergleichsweise in einem Spaßgenerator gezeugt, und mit Beginn der Schulpflicht schlossen sie die Lehre im Thema Medien ab. Die Ungeprügelten. 1970 in Soest reagierte niemand mit einer kleinsten Bewegung auf die frontal filmenden Kameras. Dafür standen keine Zeichen zur Verfügung. Eineinhalb Stunden lang Blicke in Gesichter, die mich umgaben, als ich ebenso alt war, und die beim Zuschauen vor dem inneren Auge erscheinen, einschließlich damaliger Redewendungen, Lehrergesichter, Automarken und Ansichten des leeren öffentlichen Raums.

 25. Oktober 2022

 

 

Kitesurfen in El Médano

Ein Kurzfeature von Bodo Morshäuser (Autorenproduktion)

Deutschlandfunk, 25. September 2022