zuletzt erschienen:

"Wir werden ständig angewirt, weil man uns einfangen will, als Käufer, Wähler, Jasager"

in DIE ZEIT,

Nr. 26 vom 22. Juni 2017

Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Tageslicht 3

Steve Reich, Music for 18 Musicians

Rutsch, Raffer und Lupe

Ein Sturz, lässt sich sagen, geschieht unverhofft und schnell, "eh man sich′s versieht", man liegt am Boden und steht wieder auf. Ein paar Stunden später an das Ereignis denkend, erscheint der sekundenkurze Sturz als ungeheuer langsame gleichsam vor wie neben einem ablaufende Bewegungsfolge, die sich sogar ankündigte und im Nachhinein aufgliederbar ist in Kapitel und Abschnitte. Weitere Stunden später, wenn sich spüren lässt, welche Schmerzen man davongetragen hat, lässt sich nicht jeder Schmerzpunkt einer der einzelnen Bewegungen zuordnen, die eben noch klar voneinander zu trennen waren – so dass wiederum das Bild einer rasch ablaufenden Serie von Bewegungen, eher Reflexen, die nicht zu entmischen sind, die Oberhand behält. Und dann, weitere Stunden später, lässt sich sagen, dass das Bild des blitzschnellen überfallartigen Ereignisses und das Bild des Geschehens in Zeitlupe gleichermaßen da sind. Sie sind beide geschehen, das eine im anderen, das andere im einen. Und weiter.

28. Dezember 2012

 

Erstes Kapitel

Tikai vienam cilvēkam viņa  izstāstīja par savu agro negodu. Hermanis bija dziednieks. Savās gaišajās telpās Hāgena laukumā viņš piedāvāja meditācijas kursus. Laiku pa laikam viņš rīkoja atklātus vakarus, kad viņa viesiem bija atļauts klīst pa ovālo ziemas dārzu. Viņai un viņas draudzenēm Hermanis bija vienīgais pieaugušais vīrietis, kura sacītajā viņas ieklausījās. Viņa stāstīja viņam to, ko neviens cits nedrīkstēja uzzināt. Viņa gribēja viņam parādīt, ka atveseļojas.

(Aus dem Deutschen von Aija Jakovica)

11. Dezember 2012

 

War da was?

In der Mitte zwischen Riga und Ventspils steht ein Holzhaus, darin ein Café, auch ein Motel. Vor dem Haus treffen täglich zur selben Zeit zwei Busse ein; einer kommt aus Ventspils und fährt nach Riga, der andere kommt aus Riga und fährt nach Ventspils. Beide Fahrer sagen ihren Gästen, für zehn Minuten werde Pause gemacht. Die Türen öffnen sich. Die Fahrgäste steigen aus um zu rauchen, auf die Toilette zu gehen, ein Getränk zu bestellen oder, wie die Busfahrer, ein schnelles Essen einzunehmen. Oder sonst etwas zu tun. Oder? Nach zehn Minuten entmischt sich die Menge im und vor dem Haus, die Fahrgäste steigen in ihre Busse ein. Jeder Bus fährt weiter in seine Richtung. Oder?

9. Dezember 2012

 

 

Kein Tisch für zwei

Männer schneiden sich die Hosenbeine ab. Männer fragen: Was machen wir heute? Männer fahren Auto. Männer sind still, wenn Frauen sprechen. Frauen tragen Sonnenbrillen im Haar. Beim Fahrradfahren fährt der Mann vorn. Der Mann fährt auch Auto. Die Frau ist für das Grüßen zuständig. Deute ich einen Gruß zum Mann an, grüßt die Frau. Deute ich keinen Gruß zum Mann an, grüßt die Frau auch nicht. Grüße ich die Frau, dann grüßt, etwas abgemildert, auch der Mann. Grüße ich die Frau nicht, grüßt auch nicht der Mann.

Ein Gast setzt sich an den Computer, seine Frau kommt nach und sagt "Ach Schatz, keinen Wetterbericht jetzt, das Wetter wird schön, ich sags dir"; der Mann steht auf und geht hinter der Frau her weg.

Ein Gast sucht einen Platz für seine Familie, zuerst im Freien. Nach minutenlangem Kampf gegen Wespen entscheidet er sich für einen Tisch drinnen. Auftritt seiner Tochter und seiner Frau: Sie stemmt die Hände in die Hüften, sagt, da können nicht alle sitzen und setzt sich an einen anderen Tisch. Er steht auf und folgt ihr. An dem ersten Tisch war für drei gedeckt und es fehlte ein Stuhl. Am zweiten fehlte kein Stuhl; er war nur für zwei gedeckt.

Er hört ihr zu. Spricht sie - und nur sie spricht, ihm bleibt allein Raum für Zwischenbemerkungen - dann klingt sie, als weine sie. Aber sie weint nicht. Sie klagt die Aufmerksamkeit des Aufmerksamen ein. Sein Gesicht ist wohlwollend, von dauerhaftem Lächeln verzogen.

Er geht zum Käse, steht mit dem leeren Teller neben mir. Seine Frau huscht heran, greift sich zwei Trauben, steckt sie in den Mund, schneidet ihm kauend schnell ein paar Käsestücke ab, sie landen auf seinem Teller, und schiebt ihn aus dem Raum heraus.

Wieder vor dem Käse. Er und ich. Wir lassen einander den Vortritt, mit der beiderseitigen Bemerkung, wir schauten erst einmal. Nach einer Pause, während der wir den Käse, das Brot, die Trauben betrachten, sage ich: "Ich fang dann mal an." Seine Frau, die hinter uns steht, zu mir: "Sie können von allem so viel nehmen, wie Sie wollen, Sie müssen sich nicht zurückhalten."
   
So wehre dich doch endlich, denke ich. Und gern genommen wäre etwas Beistand der klugen Frau, der wirklich Gleichen, die nicht den Lächerlichen neben sich braucht.

25. November 2012

 

 

Neues vom lustigen Herrn Leyendecker

Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) verübte innerhalb von dreizehn Jahren diverse Banküberfälle mit einer Gesamtbeute von über 600.000 Euro sowie zehn Morde. Über zwei Dutzend Fahndungsbehörden suchten die Täter in ausländischen Milieus, in der deutschen Presse wurden die Taten "Döner-Morde" genannt.

Nun wissen wir: So weit hätte es nicht kommen müssen. Der ausgewiesen investigative Journalist Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung schreibt in seinem Vorwort zu dem Buch "Die Zelle", das neulich erschienen ist, das Motiv der Mordserie wäre bereits schon mit geringem Urteilsvermögen nach vier von zehn Morden zu erkennen gewesen:

"Spätestens nach den ersten vier Hinrichtungen türkischer Kleingewerbetreibender und dem Nagelbomben-Attentat in Köln im Sommer 2004 in einer Straße mit Geschäften türkischer Kleingewerbetreibender brauchte es allerdings nicht viel Urteilsvermögen, um in diesen Fällen Fremdenhass als mögliches Motiv zu favorisieren."

Woraus zu lernen ist: Herrn Leyendeckers Urteilsvermögen ist so umfassend, dass er sich nicht in der Lage sah, das Tatmotiv zu erkennen und zu veröffentlichen. Sein Radar war von dieser Sache unterfordert.

Siehe auch: "Die Leyendecker-Linie"

17. November 2012

 

 

Der Spreewald im Sommer der Heilung (2)

Die Hitze in der Lausitz an diesem späten Abend, in dieser frühen Nacht, sie steht. Auch das Lausitzgewitter, das seit einer Weile zu hören ist, steht. Nie zieht es vorbei wie ein übliches Gewitter, das Lausitzgewitter richtet sich in der Lausitz ein. Erst heulen die Hunde, dann bellen sie. Das Gewitter kommt von Westen und scheint nicht nach Osten zu wollen oder zu können. Alle, die ich in dieser Gegend kenne, hatten schon einmal Angst bekommen, als ein Lausitzgewitter sich über der zarten Landschaft eingerichtet hatte, um der kaum erträglichen Hochsommerlausitzhitze ein Ende zu bereiten, wie man dachte, für ein paar Stunden jedenfalls, wie man hoffte, oft vergebens, denn manchmal ließ die hiesige Schwüle sich von einem hiesigen Gewitter nicht im geringsten vertreiben, vielmehr erhöhte sich die Luftfeuchtigkeit ins Unerträgliche, wenn das Lausitzgewitter in der Lausitzhitze einfach weitermachte, und wenn nach dem Gewitter die Hitze blieb. Die Erinnerung an ein Lausitzgewitter ist eine bleibende Erinnerung. Deswegen erzählen Generationen um Generationen von den Gewittern, die sie in der Lausitz erlebt haben, erleben mussten. Meine Oma schloss alle Türen im Haus, zog alle Stecker heraus, verkroch sich in einem Zimmerchen ohne Außenwand auf dem Boden und betete darum, verschont zu werden. Ihr Haus hatte keinen Blitzableiter und wurde nie getroffen. Bei Pellanks gegenüber war dreimal die Scheune abgebrannt, jedes Jahr lag mindestens ein Haus im Dorf in der eigenen Glut, und Pellanks hatten immer eine neue Scheune. Ich, der Gast, sitze hinter dem Fenster und schaue stundenlang die Blitze an, ich fühle mich sicher. Lotte hockte sich 1940, als sie zu Besuch war, zusammen mit ihrer Mutter in deren Gewitterecke. 1961, drei Tage vor der Teilung Deutschlands, saß ich hinter einem Fenster wie heute, aber ich hatte Angst, denn alle hatten Angst, und in dieser Nacht falle ich, müde vom Gewitterschauen, ins Bett, während draußen Lausitzwetter tobt. Irgendwann höre ich vor Müdigkeit die Luftschläge nicht mehr. Erst sind wir nicht auf der Welt, dann leben wir, dann sterben die Älteren, dann sterben wir selbst, und bevor der erste da war, war das Lausitzgewitter schon hier, und nachdem der letzte gestorben sein wird, wird das Lausitzgewitter mitsamt seinem Vorboten, der Lausitzhitze, über diesen Landstrich ziehen und den Menschen Schrecken einjagen, bevor es sich verzieht und die Lieblichkeit dieser Landschaft, so scheint es jedenfalls, am nächsten Morgen wie neu erblüht. Scheine!

10. November 2012

 

 

Der Spreewald im Sommer der Heilung (1)

Ich gehe hinaus in ein Hochsommerwetter, in dem alles scheint. Die Landschaft ist schön, oder scheint sie nur? Scheint sie nur schön zu sein? Sehe ich die Landschaft, oder sehe ich mein Befinden auf der Folie dieser Umgebung? Warum habe ich nach wenigen Schritten schon drei Fragen angehäuft und eine vierte hinterher? Zur selben Zeit, in der ich mich als Sommergast umschaue, schaut sich ein hiesiger Bauer um, aber den Bauern sehe ich nicht, er ist in mir. In den Jahren bis 1961 war ich mit den Bauern zusammen auf den Feldern. Niemand sagte, die Landschaft sei schön. Für sie war die Landschaft eine Menge Arbeit, die Jahr um Jahr füllte, Tag für Tag. Auch für mich als Kind war die Landschaft nicht schön, sie war einfach da. Erst der Gast hier hat die Freiheit und den Willen, sie als fein und zart zu empfinden, hier verträumt, da versteckt, oft unberührt, wie es scheint. Erst der Gast hat die Freiheit, sich diese Landschaft auszudenken, während er durch sie stapft. Er legt sie sich zurecht. Er blickt sie sich schön. Er tagträumt und verweilt, wie kein Hiesiger es tun würde. Für meine Oma waren Katzen eine Plage, die überschüssigen wurden im Backhaus entsorgt. Am Hafen von Lübbenau bleibe ich wegen eines kleinen Rudels junger Katzen stehen und amüsiere mich, dann kommt eine alte Frau in Spreewaldtracht aus einem baufälligen Haus und tritt mit den Füßen nach ihnen, um sie durch die Luke unterm Hoftor zurück auf den Hof zu scheuchen. Der dicksten, die nicht schnell genug ist, verpasst sie einen heftigen Schlag. Für meine Oma war das weite Feld hinter dem Hof ein Acker, der Jahreszeit für Jahreszeit bis zur Erschöpfung zu beackern war. Der Gast, der am Vormittag hier eine Runde dreht, mag den Gleichwuchs von Gemüse und Getreide Reihe an Reihe über hunderte von Metern. Dem Bauern ist der Gleichwuchs nützlich. Der Gast erntet eine Schönheit, die in seinem Blick entsteht. Nutzen ist die Kategorie des Bauern, Gefallen die des Gastes. Sie schauen auf das Gleiche: der eine auf ein Muster, der andere auf sein Werk. Wer lebt schon in einer einzigen Haut, in einem einzigen Kopf?

Wer lebt schon in einer einzigen Zeit? Der Tiefenentspannte. Der Aus-der-Haut-Fahrende. Der Irre. Der Unbeirrbare. All die glücklich oder unglücklich Kopflosen. Die anderen leben gleichzeitig in mehreren Zeiten. In diesen Tagen lebe ich, der Gast, gleichzeitig in den Jahren 2010, 1961 und 1940. In verschiedenen Zeiten lässt sich am besten leben, wenn man sie sich aussucht. Man kann Opfer zu vieler Zeiten sein, dann, wenn die eine in einem über die andere in einem herfällt und man nicht mehr dazu kommt, deren Begegnung wenigstens zu moderieren. Irrtümlich gehen die meisten davon aus, Herr über die eigene Gedankenwelt zu sein, allzuoft ist man aber lediglich der Schauplatz einer Gedankenwelt, die man seine eigene Gedankenwelt nennt, nur weil sie in einem selbst stattfindet. Es ist ein Unterschied, ob ich Austragungsort oder Veranstalter einer Sache bin. Lieber bin ich Veranstalter, als Austragungsort werde ich so oder so benötigt. 2010 lese ich in diesem Haus die Tageszeitung, ziehe mich um, gehe hinaus und bin erst 1940, dann 1961 unterwegs, mit Abweichungen, es kann sich auch um 1958 handeln, dann wieder ist es bei mir 1938, auch ein 1946 passiert mir hin und wieder, ein 1992 ist mir mehrmals dazwischengerutscht, die Zeiten wechseln, der Ort, im regionalen, im landschaftlichen Sinn, bleibt: Es ist der Spreewald.

 

2. November 2012

 

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