Tageslicht 9


Bahnen ziehen

Ich ziehe meine Bahnen. Schaue auf den Kachelboden. Zähle die Meter. Lasse das Denken sein. Immergleiches Bewegen von Schlag zu Schlag, Wende zu Wende, mit immergleicher Kraft. Ich bin vormittags im Olympiastadion, wo ich schon damals meine Bahnen zog, im Schwimmverein. Bald schwamm ich in der Stadtauswahl. Ich mochte keine Wettkämpfe vor Publikum, man wartete viel und schwamm nur kurz. Mir gefiel das stundenlange Training mit den besten Schwimmern. Im Wasser schaltete ich ab und um, bis ich ich ein anderer war als der, der hineingestiegen war.

 

Ziehe ich in diesem Sommer im Olympiastadion meine Bahnen, gelingt mir das Abschalten nur, wenn ich in Richtung Norden schwimme, das Fußballstadion im Rücken. Auf dem Rückweg Richtung Süden, Richtung Stadion und Sprungbecken, habe ich Bilder von damals vor Augen. Im Schwimmstadion hat sich wenig verändert. Heute lümmeln vier Bademeister am Beckenrand. Damals gab es Schwampel und Handtke, Handtke in schwarzen Wellen gebürstet, Schwampel hinter der Säufernase. Sie kannten die Vormittagsgäste persönlich. Ab Mittag wurde geplanscht oder Arschbombe gehopst.

 

Pausenlos sprang Willi Rose vom Einer und vom Dreier. Er hatte graue lange Haare, die er eigentlich glatt nach hinten legte, nur nach dem Abtrocknen fielen sie vom Mittelscheitel ins Gesicht und über Ohren und Augen, so dass er sie dauernd nach hinten strich. Willi Rose sprang abwechselnd mit Reinhard Rauer, dem eleganten Zwanzigjährigen mit klarem Seitenscheitel. Willi Rose hatte sein Leben lang in ungefähr drei Produktionen pro Jahr gespielt. Der Gipfel seiner Karriere lag hinter ihm. Manchmal tauchte er noch in Fernsehspielen auf. Reinhard Rauer hatte die Schauspielschule verlassen und spielte kleine Fernsehrollen. Es war Ende der sechziger Jahre. Der alte und der junge Schauspieler hatten sich nichts zu sagen. Kein Wort.

 

In diesem Sommer, da ich im Olympiastadion schwimme, schaue ich alte Filme an. Vor ein paar Tagen die Geschichte einer Schauspielerin und ihrer Theatertruppe, die zur Unterhaltung deutscher Frontsoldaten durch besetzte Länder tingelte. In der Hochzeitsnacht verspricht sie ihrem Mann, einem Soldaten, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Theaterkollegen überreden sie, dem Vaterland zuliebe wieder zu spielen, in Griechenland, wo der frische Ehemann Dienst tut. Dort sieht er seine Frau auf der Bühne. Der Konflikt löst sich vor Ort, im Hintergrund die Akropolis, in Harmonie auf. Liebe zum Mann, zum Vaterland und zu den Soldaten schließt sich nicht aus. Goebbels fand die Geschichte kitschig, ihre Handlung an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem wurde der Film aufgeführt. Heute darf er nur in Verbindung mit einem Vortrag an die Öffentlichkeit.

 

In diesem Film habe ich Willi Rose gesehen. Er spielt den Fahrer der Theatergruppe, Mädchen für alles, berlinernden guten Geist, der die Schauspieltruppe bei Laune hält. Wenn ich hier meine Bahnen ziehe und an Willi Rose denke, sind die Bilder scharf, das vom späteren Brettspringer ebenso wie das vom Schauspieler aus dem Film Fronttheater fünfundzwanzig Jahre zuvor. In schärfsten Konturen standen Schwampel, Handtke und Willi Rose Sachen vor Augen, die nur sie verstanden, ich sah das, wenn sie beieinander standen, plauderten, einander heftig zustimmten und sich umschauten, als gehörten sie einer gang an. Diese Männer waren aus demselben Holz geschnitzt: laut, selbstgewiss und ungetrübt von Zweifeln. Eigenschaften, die Reinhard Rauer, inzwischen Deutscher Meister vom Dreier, nicht ausstehen konnte.

 

Wenn ich im Olympiastadion von Norden nach Süden schwimme, sehe ich ihre Gesichter, höre ich ihre Stimmen, und wenn ich von Süden nach Norden schwimme, merke ich, es ist schön, beim Schwimmen nicht zu denken, nur Körper zu sein und zu spüren, wie alles leichter wird.

 September 2015

 

 

Christoph Meckel öffnet die Tür.

Mit Zigarettenspitze in der Hand. Zu einer Zeit, als man Literatur nicht studieren kann. Und nicht will. Junge Autoren suchen die Nähe von Schriftstellern und zeigen ihre ersten eigenen Texte. Die Älteren lesen sie und sagen etwas dazu. Christoph Meckel steckt die Zigarettenspitze zwischen die Zähne, damit er Hände schütteln, umarmen, weiter sprechen und lachen kann. Meckel ist einer dieser gutwilligen, zudem gutmütigen Autoren, denen Jüngere viel zu verdanken haben. Der junge Autor ist ja anspruchslos. Zwar hält er sein Schreiben für absolut gelungen. Aber in Wirklichkeit genügt es ihm erst einmal, wahrgenommen zu werden. Von Leuten wie Meckel. Der jetzt nachschaut, ob die Suppe für alle noch heiß und gut ist. Isolde Ohlbaum schießt ein Foto in der Küche. Das sind so lehrreiche wie fröhliche Nachmittage und Abende in den siebziger Jahren in Meckels Wohnung. Wir essen Suppe, trinken Wein, lesen uns Texte vor und reden über sie, und essen Suppe und trinken Wein. Das Foto liegt jetzt auf meinem Tisch. "Ich behalte das Glück der ersten Erinnerung" lautet der Anfangssatz von Meckels großer Erzählung "Suchbild". Erinnerung? Das Foto auf meinem Tisch kann gar nicht von Isolde Ohlbaum sein, sie ist ja auf dem Bild. Es ist nur ihre Kamera. Auch trinken keinesfalls alle Wein. Wir, von links nach rechts, Hans-Ulrich Treichel, Hans-Ulrich Hirschfelder, ich, Isolde Ohlbaum, Christoph Meckel und Michael Speier, stehen in Meckels Küche und fühlen uns richtig wohl. Hinter uns hängt ein Vorhang mit Bäumen in hügeliger Landschaft. Man erkennt einen Suppentopf, rechts eine Schüssel. Treichel und Hirschfelder halten kleine bauchige Berliner Bierflaschen, ich ein Glas Wein, Meckel eine Zigarette. Ein Hang zu karierten Hemden ist zu erkennen. Die Hemden, denke ich jetzt, wollen sagen: Hier wird gearbeitet. Es klingelt. Sarah Kirsch, mit Sohn, steht vor der Tür. Sie hat die DDR verlassen und ist soeben in Westberlin angekommen. Wo geht sie hin? Zum Gastfreund. Zu Christoph Meckel.

 Juli 2015

 

 

6. Januar 2015: Das Programm des Spartenkanals "Das Erste"

5.30 Morgenmagazin (ein boulevardartig aufgezogenes Plapperformat)

9.05 Rote Rosen (Folge 1879, Wiederholung vom Vortag)

9.55 Sturm der Liebe (Folge 2139, Wiederholung vom Vortag)


10.45 Um Himmels Willen (Wiederholung einer Folge aus dem Jahr 2009)


11.35 Nashorn, Zebra & Co (aus dem Tierpark Hellabrunn, München)


12.15 ARD-Buffet (Themen u. a. "Spam-Mails und Trojaner", "Die gute Idee: Garderobe aus Birkenbaumresten und Lack-Brettern", "Miesmuscheln in Fenchel-Gemüse- Sud")

13.00 Mittagsmagazin

14.10 Rote Rosen (Folge 1880: "Jana steht zwischen zwei Männern. Nathalie wünscht sich, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen und Maurice braucht ein stabiles Umfeld. Thomas entzieht Gunter die Nutzungsrechte am Jagdschlösschen und fürchtet um seine Freundschaft. Aylin findet, dass er richtig handelt, und übernimmt wieder die Stelle im Umweltdezernat.")

15.10 Sturm der Liebe (Folge 2141: "Erst als er an Julia denkt, findet Niklas bewegende Worte für sein Ehegelöbnis. Als Julia den Text zufällig liest, ist sie getroffen, da sie nicht ahnt, dass die Worte ihr gelten. Tina verliert nach den Anschuldigungen der Baroness von Kalmoor ihren Job und bekommt von Patrizia auch noch ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Als Werner Hildegard ein neues Gutachten verweigert, gibt sie selbst eines in Auftrag. Nun bekommt Jonas ein schlechtes Gewissen und beichtet ihr, den Käfer ausgesetzt zu haben.")

16.10 Panda, Gorilla & Co (aus Zoo und Tierpark Berlin)

17.15 Brisant (das Magazin vom MDR, das eine Zeitschrift wie Bunte wie ein Intellektuellenmagazin aussehen lässt)

18.00 Verbotene Liebe (Folge 4633)


18.50 Heiter bis tödlich - Morden im Norden


19.45 Wissen vor acht

20.15 Um Himmels Willen ("Neue Folgen": "Während Schwester Hanna die Nonnen des Klosters Kaltenthal auf den drohenden Frühjahrsputz einstimmt, bekommt die kleine Schwesternschar Besuch in der Klosterkapelle. Ein Hausschwein hat zuvor schon die Küche auf den Kopf gestellt - bevor es weiteren Schaden anrichten kann, treiben die Nonnen es in einen Stall. Auch das Herrchen von Heinz taucht kurze Zeit später auf, doch damit ist das Problem noch lange nicht gelöst.")

21.00 In aller Freundschaft (Arztserie)


21.45 Donna Leon (Fernsehfilm, Wiederholung)


23.40 Tannöd (Heimatkrimi, Spielfilm, Wiederholung)

Unterbrochen wird das Programm von Tagesschau (neunmal) und Tagesthemen. Und bis 20.00 Uhr von jeder Menge Werbung, versteht sich.

 

zitiert nach: Berthold Seliger: "I Have A Stream - Für die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens", Edition Tiamat, Berlin 2015,  300 Seiten, 16 Euro

 

 

Ashi-See, Hakone

Das Wohlfühlgerede vom Wir ist für Vollidioten

Manchmal schaue ich in ein Wochenblatt. Es wird im bildungsnahen Haushalt am Wochenende gelesen und verbreitet Behaglichkeit. Neulich merke ich, warum. Dauernd heißt es "wir", ersatzweise "man". Thema Flüchtlinge: "Was wollen wir tun?" Thema Renten: "Was müssen wir ändern?" Auch Fernseh-Talkshows neigen zum Wir: "Deutschlands Löhne – was ist unsere Arbeit wert?" Unsere Arbeit. Wessen Arbeit? Ihre Arbeit? Die Ihres Chefs? Oder meine Arbeit?

 

Wenn die Wochenzeitung zum Flüchtlingsthema fragt "Was wollen wir tun?", will sie mit dem "Wir" Gemeinsamkeit stiften. Schließlich sitzen "wir" im selben Boot; ähnlich wie die Flüchtlinge in einem anderen Boot. Auch die Frage, was wir bei den Renten ändern müssen, ist keine Frage, sondern sie behauptet einen Konsens. "Wir" ändern die Renten: Sie? Ihr Chef? Ich?

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21. Mai 2015

 

Kurzer Halt in der Fernsehstadt

Ich habe mich am Einschaltknopf aufgegeben und bin zur Verschickung ins Land der behaglichen Aufgabe, des sanften fühllosen K.O. gereist. Habe mir zwei Abende lang willens den Kopf vollscheißen lassen vom Fernsehen. Als müsste ich ganz voll werden, um leer zu werden. Das ist das neulich noch moderne Nickerchen. Man hat ja beim Fernsehen die Augen geschlossen. Bei manchen Meditationsübungen hat man die Augen geschlossen, aber mit geschlossenen Augen schaut man ins belebte Dunkel hinter dem heruntergeklappten Lid. So ist Fernsehen. Ich schaue nicht wirklich Bilder außerhalb meiner selbst an. Ich meditiere, schalte ab und lass mir in dieser Döshaltung Bilder vorführen, die ich nicht für sich sehe, sondern erst wahrnehme, wenn sie mich zu betreffen scheinen. Das Fernsehgerät ist ein externes Körperteil. Doch wenn sie mich betreffen, steigert sich lediglich der Taumel, etwas hinter den geschlossenen Lidern zu sehen (und immer sieht man etwas, wenn man offenen Auges von innen auf die geschlossenen Lider schaut), das einen betreffen könnte. In der Regel betrifft einen das nicht, was das Fernsehen bringt, der Unterschied ist nur, dass es egal ist, ob einen etwas betrifft oder nicht. Es betrifft einen alles und nichts. Alles ist interessant. Nichts ist wichtig. In diesem Taumel lebt der Stadtspaziergänger. In diesem Taumel lebt, wer ohne Stimme im Radio oder ohne laufendes Programm, ohne eigenes Ausblenden bei weiterlaufendem Programm nicht einschlafen will. Es gibt keine Einschalt- und keine Ausschalttaste. Das Programm beginnt als Radiowecker und endet mit der einprogrammierten Selbstausschaltung, wenn überhaupt (der Fernseher merkt das daran, dass er keine Iris mehr lesen kann, die auf ihn gerichtet ist). Innerhalb der Wohnungen: die Stadt. Außerhalb ihrer: das Fernsehen.

 

Wer hier spricht? Der Zuschauer. Ich bin er. Ich schaue das Programm Fernsehen an. Ich schaue das Programm Stadt an. Vieles haben sie gemeinsam. Sie werben um mich und andere, machen Werbung für sich und andere. Machen Programm, das die Werbung einrahmt. Die Stadt ist ein Programm. Das Fernsehprogramm ist eine Stadt. Ich gehe durch die Stadt und sehe fern. Ich sehe fern und gehe durch die Stadt.

 

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