zuletzt erschienen:

"Wir werden ständig angewirt, weil man uns einfangen will, als Käufer, Wähler, Jasager"

in DIE ZEIT,

Nr. 26 vom 22. Juni 2017

Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Orte des Geschehens

 

Auf den Straßen gehn die Lichter an

die Ecken sehen dreckiger aus

     verfluchter und verkommener.

Schlagzeilen liegen herum, Schläger mit dem

Abzeichen einer demokratischen Partei stehen rum

Polizeihunde, schlecht verkleidete Zivile.

     Ich trinke ein Bier

auf einmal passiert die Tagesschau, die

hygienische Trennung von Wohnort und

     Ort des Geschehens.

Der Wirt legt die Musik der Siebziger Jahre auf

verglitterte und auf den Hund gerockte Tröstereien.

Die Baumschlepper vom Mississippi fassen sich an den Kopf

und können einen Blues drauf singen

     (auf Europa-Tournee).

Bin ich harmlos und gefährlich genug

um draufzugehen, bei einer "Aktion Feuerball"?

     Oder gebe ich der Polizei einen gezielten Hinweis

denn seit heute weiß ich, wie die Gesuchte die

Zigarette ansteckt, und seit heute weiß ich

     wie ich die Zigarette anstecke.

Jetzt im Fernsehen eine Talk-Show, an der Ecke

eine Schlägerei, die in der Nebenstraße weitergeht.

     Auf dem Fernsehbild ist Wahlkampf

eine rhetorische Erscheinung. Immer noch kommen sie

mit ihrer lächerlichen Alternative

     und immer noch wird ihnen geglaubt

obwohl sie längst nicht mehr unter uns sind

von gepanzerten Autos in abgeriegelte Ämter flüchten.

Noch immer sind die Kameras auf sie gerichtet

     empfangen wir ihre Programme

weil wir belogen werden wollen

     lückenlos und ohne

                        Brüche

Skandale oder Unruhen.

     Da kannst du nur

                                 schreien

wie die Frau auf dem U-Bahnhof, die auf eine Bank

gestreckt wird, bevor Privatpolizisten

aus dem einfahrenden Zug stürzen

     (Haben Sie auch das Gefühl

nicht darüber reden zu wollen?

Ist es nicht fantastisch um die Ecke zu gehen

und nichts mehr zu sagen

     nur die Hand bleibt auf der Hose?)

Hier ist Wahlkampf, dich zu entscheiden, bedingungslos

und persönlich, wie es nicht weitergehen darf.

Im Fernsehen lügen die Redner in konkreten Zahlen

     die Wahlbeteiligung steigt.

Vor der "Barobar" hängen ein paar Fixer rum

     vergessene Bekannte

die weitergemacht haben, trotz der wöchentlichen Razzien

und Polizeieskorten vor den Hallen

in denen Musikreisen verkauft werden.

Hier liegt meine Geschichte rum, konserviert, verstehste?

     Und ich sehe meine Generation verschwinden.

Die Besten sind zwar unter uns

aber die Besseren sind gestorben, oder

     abgezogen

in den "Untergrund von mir zu dir"

oder sie schließen eine gepanzerte Bürotür hinter sich.

     Ich sehe die Propheten der Ausgewogenheit

ein Lied darauf singen.

     Ich sehe Polizeipräsidenten einen Rauschgiftring

gründen, damit aus Demonstrationen und Streiks

künstliche Paradiese werden.

     Ich sehe knappe Diskothekenaugen.

Dieses Gedicht kann nicht mehr zurück in den Gedichtraum.

Die Nachrichten können nicht mehr

in den Nachrichtensendungen versteckt werden.

Dieses Gedicht ist keine Vorstellung

und hat keinen Vorhang.

     Es wäre, für einen Anfang, gern am Ende.

 

 

 

(c) Bodo Morshäuser

zuerst veröffentlicht in Alle Tage, 1979