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"Wir werden ständig angewirt, weil man uns einfangen will, als Käufer, Wähler, Jasager"

in DIE ZEIT,

Nr. 26 vom 22. Juni 2017

Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Gezielte Blicke

Leseprobe

1

 

Wenige Tage vor den Sommerferien turnte ich mit Rüdiger
im Hinterhof an der Teppichklopfstange. Wir fragten einan-
der ab, was uns lieber sei, die Eltern oder die Großeltern, das
Chevrolet- oder das Mercedes-Cabriolet, Lakritzrollen oder
Lakritzstangen, der Russe oder der Ami. Aus dem ersten
Stockwerk des Seitenflügels herrschte uns die hohe Stimme
des alten Zeidler an. In seinem Gesicht war Krieg. Wir hat-
ten soeben das Schlimmste getan: Zeidler um seinen Mit-
tagsschlaf gebracht. Wir lachten über ihn, denn wir fanden
seinen Schnauzer komisch und die Beule, die das abstehende
Haar bildete; doch fürchteten wir uns, wenn der Alte seinen
Stock gegen die Fensterrahmen schlug und drohte, herunter-
zukommen.

 

»Schnauzbart oder Spitzbart?«
»Beide doof.«

 

Mit aufgeplusterten roten Wangen tauchte der alte Zeidler
vom Fenster weg nach hinten. Erst leise, unterwegs dann lau-
ter kichernd, gingen wir zur Straße vor und schmulten von
dort in die Flucht der zwei Höfe und Einfahrten zurück.

 

Für einige Sekunden war es in der breiten Straße ganz still.

Dann hörten wir ein metallenes Schaben und einen Motor,
die sich näherten. Die Straßenbahn war gelb und bestand aus
zwei Waggons. Eine kam von der Brücke heruntergefahren,
eine andere ratterte aus der entgegengesetzten Richtung hin-
auf. Manchmal hielten sie nebeneinander, genau vor unserem
Haus. Die Fahrer unterhielten sich. Einer stieg aus der Füh-
rerkabine hinunter auf die Straße und steckte eine lange Ei-
senstange in die Schienen, um eine Weiche zu stellen. Dies-

mal bremsten die Straßenbahnen nicht. In höchstem Tempo
rollten sie aneinander vorbei und machten eine Menge Wind.

 

Einmal war der alte Zeidler heruntergekommen, nachdem
wir ihn geärgert hatten - ohne es darauf abgesehen zu ha-
ben: Zeidlers Fenster standen immer offen. Auch damals
rannten wir zur Straße vor, lugten zurück und sahen sein
seitwärts und vorwärts ausfahrendes Holzbein und den erho-
benen Stock auf uns zutorkeln. Er war langsam. Er hörte
unser Lachen und versuchte schneller zu hinken. Erst als er
die letzte Ausfahrt zur Straße erreicht hatte und ausholte,
rannten wir davon, und im Umdrehen sahen wir seinen
Stock auf dem Bürgersteig aufspringen, sich in der Luft dre-
hen und platt niederfallen. Wir lachten, wir schrien vor La-
chen, bis eine Stimme uns anraunzte. Ein Einbeiniger hob
abwechselnd die linke und die rechte Stütze und richtete sie
unter Zeidlers Anfeuerungsrufen auf Rüdiger und mich. Bei
jeder Armbewegung weitete sich sein dunkler Umhang, oh-
ne sich zu öffnen. Ein Hosenbein war an den Außenseiten
hochgeklappt und in Hüfthöhe mit Sicherheitsnadeln fest-
gesteckt. In der Fratze des Mannes erkannte ich kein Ge-
sicht. Wir rannten bis zum Landwehrkanal.

 

»Sind das die Menschenfresser?«

 

»Gibt es denn Menschenfresser?«

 

»Klar gibt es Menschenfresser. Das sind die mit den

Krücken und den weiten Mänteln. Aber eigentlich gehen die

nur nachts auf die Straßen.«

 

»Und fressen die Kinder auf, die noch nicht zu Hause

sind.«

 

Der Amputierte schwang sich von Stützpunkt zu Stütz-

punkt nach vorne, über die Kreuzung, zum Kiosk hin. Wir

lagen im Böschungsgras und zitterten und beobachteten ihn
durchs Halmwerk.

 

»Vielleicht muß der da tagsüber raus, weil er eine Zeitung

braucht."

 

»Vielleicht steht was Grauenhaftes über ihn drin.«

 

Der Mann verbarg die Zeitung in seinem Umhang und
schwang sich auf die andere Straßenseite zurück, wo er sich
an den Ampelmast lehnte, die linke Stütze unter den rechten
Arm, die rechte unter den linken Arm klemmte und mit we-
hendem Umhang hinter der nächsten Hausecke verschwand.
Zeidler war nicht mehr zu sehen.

 

Auch diesmal kam der alte Zeidler nicht, nicht mal runter
auf die Straße. Wir gingen zum Kiosk an der Brücke, kauf-
ten Brausepulver, setzten uns auf die Bordsteinkante und
riefen die Typen der vorbeifahrenden Autos; es gab nicht
viele. Am liebsten setzten wir uns neben ein von den Pan-
zern stammendes Schlagloch und wetteten, ob die Autos
hineinkrachen würden oder nicht. Als ein Polizist sich
näherte, standen wir auf und gingen zum Hof zurück. Ich
wollte nicht, daß der Polizist uns sah. Er war der einzige in
der Straße, der einen ansprechen durfte. Seinen Blicken aus-
gesetzt zu sein war wie eine Prüfung: man bestand, oder
auch nicht. Nie war man darauf vorbereitet. Der Polizist
kam immer plötzlich - meistens um die Ecke, und er schau-
te einem bereits fest in die Augen, wenn das Prüfungsgefühl
erst hochkam. Ging ich an einem Polizisten vorüber, so
drehte ich mich danach um, um zu sehen, ob der Polizist
sich nach mir umdrehte. Wenn ich das nicht tat, dann war
die Prüfung bestanden und schnell vergessen.

 

»Montag fahren wir zu Oma und Opa.«

 

»Scheißosten. Scheißschokolade. Die Kekse da stinken.«
»Oma und Opa sind in Ordnung.«

 

»Aber der Osten ist doof. Der Spitzbart läßt uns nicht
rüber.«

 

»Warum?«

 

»Weiß nicht.«

 

...

 

© Bodo Morshäuser


 

Fortsetzung auf Seite 2