Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Die Berliner Simulation

Leseprobe

I.

 

"Ich habe die Erfindungen der Dichter ernst genommen und habe mir eine Laura oder Beatrice aus einer gewöhnlichen Erscheinung dieses Jahrhunderts zurechtgemacht."

Gérard de Nerval, Aurelia

 

 

 

Hinweis auf die Bevölkerung

 

Gesucht wird Sarah, die sich Sally nennt; zuletzt gesehen auf dem Ubahnhof Wittenbergplatz, in einen Zug Richtung Ruhleben steigend. Sie ist geboren und aufgewachsen in London, zwanzig Jahre alt, etwa 1,65 Meter groß und schlank. Sie spricht kaum deutsch und ist vermutlich nicht bewaffnet. Zuletzt war sie bekleidet mit einer schwarzen Flanellhose, einer dunkelroten Wollweste, dunkelroten Moccasins und einer schwarzen Plastikjacke. Ihr Haar ist dunkelbraun, kurz, voll und ungekämmt; manchmal mit Pomade glatt nach hinten gestrichen. Sie bevorzugt dunkelroten oder dunkelblauen Lippenstift. Auffallend sind mehrere Pflaster an den Fingern der rechten Hand. Es ist jedoch zu vermuten, dass sie die Pflaster inzwischen abgenommen, die Haare gefärbt und die Kleidung verändert hat. Spätabends hält sie sich vermutlich in Musiklokalen auf. Möglicherweise lädt sie im Lauf der Nacht jemandem zu einem Bier ein. Sie geht nicht bei Rot über die Straße. Sie benutzt keine Taxen. Ab und zu nimmt sie auf öffentlichen Bänken Platz, um eine Zigarette zu drehen, die sie an Ort und Stelle raucht. Die Bevölkerung wird gebeten, aus dem Weg zu gehen und den Blick freizugeben.

 

 

 

Die wandernde Seele

 

Mein drittes Tageserwachen kam um Mitternacht. Ich schlenderte zu einem Nachtcafé, wo man am Fenster sitzen und nach draußen blicken kann. SIE saß einen Meter vor mir und starrte, ohne es zu verheimlichen, mein Abbild auf der Scheibe an. Erst war ich geschmeichelt, dann wurde ich nervös.

 

Erinnern ist Vergegenwärtigen. Sie holt zwei Bier und rutscht an meinen Tisch. Ich frage sie, was sie an meinem Hals will mit beiden Händen. Wir hatten noch kein Wort gesprochen. Sie presst ihre Daumen auf meinen Kehlkopf. Ich muss sie packen, um nicht erwürgt zu werden. Mit erhobenem Bier und rollendem R sagt sie Prost, lehnt sich zurück, sieht wieder nach draußen und auf mich auf der Scheibe. Ich könnte sie würgen und tu es nicht. Die Spätvorstellungen waren zu Ende und auf den Straßen verlief sich das letzte nächtliche Treiben. Abgesehen von der dunkelroten Wollweste und den dunkelroten Moccasins war sie ganz in Schwarz. An der Stuhllehne hängt ein grobmaschiger rosa Netzbeutel, mit einer Menge kleiner Schachteln darin, die klappern, wenn sie ihren Stuhl kippt. Eine Schachtel hat die Aufschrift ADHESIVE WOUND DRESSING. Die Frau hat ein weiches Gesicht und ist bemüht, ihm einen gnadenlosen Zug zu geben. Drei Finger ihrer rechten Hand sind mit Pflastern beklebt. Das Lokal ringsherum ist längst verschwunden, in ein Nichts entwichen. Ich will sie berühren, sie zuckt weg. Sie stößt mir ihr Knie in den Oberschenkel. Immer wird sie dir einen Schlag voraus sein, denke ich. Sie sagt, sie heiße Sally. Pause. Sie könne nicht weinen. Pause. Auf Englisch klingt das fantastisch. Den Namen Sally habe sie später angenommen, in Wirklichkeit heiße sie Sarah, aber diese Zeit sei vorbei. Pause. Zum letzten Mal habe sie geweint, als sie einen Orgasmus hatte … Keine Frage war so abwegig wie die, warum sie mir das erzählte. Und doch stellte ich sie mir – ergebnislos –, als sie ihren Netzbeutel von der Lehne nahm und davonschwenkte und ich las ANTISEPTIC CREAM. Alle Bierdeckel auf ihrem Tisch waren zerbrochen und zu einem Häufchen aufgetürmt. Als sie wiederkommt, sind um die Finger neue Pflaster geklebt. Sie legt ihren Netzbeutel auf den Tisch. RUBBER BANDAGE. Sally lächelt. Das ist keine Täuschung. Ganz lange und gleichmäßig lächelt sie mich an und ich halte der Ewigkeit ihres vorsätzlichen Blicks nicht stand und finde es dann blöd, nur vorsätzlich zu gucken. Ihr Haar ist von einem erträumten Schwarz, und voll. Strähnen hängen vor ihrem rosigen, unangegriffenen Teint. Die Augen glänzen. Sie klappt einen Handspiegel auf und tupft grüne Salbe auf eine kleine Wunde an der Schläfe.

 

Wir haben längst bezahlt und sind gegangen. Sie hakt sich ein und redet, als hätte ich sie gefragt, woher sie komme und was sie mache. "Die Schule war aus, man wurde ernst oder heiratete, meistens beides. Mit London war ich am Ende. Ich kannte es zu gut. Auch Paul zu verlassen war möglich. Mit Laura aus Berlin zog ich durch Südfrankreich. Als wir zurückwaren, bekam ich den Job in der Küche. Berlin ist gut. Ich schreibe meinen Eltern Briefe und erkläre ihnen, was Sarah in Berlin tut, nicht aber, was Sally erlebt." Anfangs wollte sie nicht hierbleiben. Nun ist sie geblieben, und damit ist es ihr wie vielen ergangen. Das Bild, das wir abgeben, hätte auf mich als Betrachtenden anziehende Wirkung. Es ist von der Gestalt, dass wir lediglich die Gestalten des Bildes sind; nicht Menschen etwa, nach denen zu fragen wäre. Das sind wir zu allen anderen Stunden. Wenn ich uns sähe, sähe ich uns als Vorschlag, doch in die uns spiegelnden Scheiben blicke ich nicht.

 

"Warum fragst du mich nicht, ob ich einen Unfall gehabt habe?" Sie kneift mich, ich kneife sie. "Weil du davon sprechen willst. Dabei hast du gar keinen Unfall gehabt." Immer noch kneifen wir uns in die Arme, es tut höllisch weh. "Woher weißt du das?" Vor Schmerzen müssen wir lachen und trotten ineinander verhakt weiter. Ich kannte diese Straßen und Plätze alle, aber sie alle waren ein Irgendwo, eine Ebene, egal welche, durch die man ziehen konnte. Ich bin erregter als ich scheinen möchte. Ich warte auf den Augenblick, in dem sie beginnt, mich zu missionieren. Sie hat doch etwas zu verkünden, denke ich. Sie sagt "Ich glaube, du übertreibst in beiden Fällen. Welche Blutgruppe hast du?" - "Wer sagt das?" - "Mir sagt es einiges." - "Ich kenne meine Blutgruppe nicht." Noch nie hatte sich jemand derart in meine Selbstgespräche eingemischt, so dass ich es vermeiden will, Selbstgespräche zu führen, aber was ich auch tu, es entsteht aus allen Abstellversuchen immer wieder neues Selbstgespräch, -geraune und -gemurmel. Sally wird sich amüsieren.

 

In einer Bar stellten wir uns an die Theke und wurden nicht bedient. Der Barkeeper, ein Grieche, wollte gerade seinen letzten abweisenden Blick austeilen, als Sally fragte, ob es einen Platz für zehn Personen gebe. Er führte uns in ein Nebenzimmer und brachte Bier. Sally kippte ihren Netzbeutel aus, und der Inhalt eines Erstehilfekastens lag auf dem Tisch. Außerdem blitzende kleine Messer; Antiquitäten mit handgefertigten Einfassungen. "Alles wegen Laura. Einmal bin ich gestürzt, in den Felsen der Kalanken von Cassis. Am Beckenknochen riss ich mir die Haut auf, zehn Zentimeter lang. Ich blieb liegen, bis die Sonne untergegangen war. Ich schaute auf mein Blut, ich schaute auf mein Blut … Ich dachte: Du musst dich verbrauchen. Nein, ich dachte nicht ans Glück. Das war ja gerade vorbei. Ich bin Augenmensch, ich muss sehen. Manchmal will ich mein Blut sehen. Es ist von mir. Nie denke ich, dass es feucht ist. Ich liebe seine Farbe und auch die Heilung (The Cure), wenn die Häute sich schließen. Ich will mir ein Gewebestück aus dem Arm schneiden und es aufbewahren. Alles für Laura. Gegen Laura. Sie kann kein Blut sehen, besonders meines nicht. Ja, unsere Liebe, das ist eine Kette von Zurückweisungen." Der Barkeeper bringt wieder Bier. Sally sagt ihm, die Band könne nicht nachkommen, die Jungs müssten eine Zugabe nach der anderen spielen. Ohne die Spur eines Kommentars dreht der Grieche ab. Als wir auf die Straße traten, war das Licht fahl, blau und kalt wie eine Klinge. Wir suchten uns einen Weg durch den Stadtpark.

 

Ich werde müde, bin es nicht gewohnt, Bier zu trinken. Sally geht wie ein Junge, vielleicht auch wie ein Mädchen. Etwas völlig Einfaches geht von ihr aus, und ich denke: wenn jemals etwas kompliziert mit uns werden sollte – so hat es nicht angefangen. Still nebeneinander hertrottend beweisen wir, dass wir zu anderem fähig sind. Jetzt straft mich eine Stimme, weil ich an Zukunft in Form von kommenden Tagen denke. Die Zukunft, das war jetzt, sagt die Stimme. Sally wird sich amüsieren.

 

Wir setzen uns auf die Bank eines Spielplatzes. Sie desinfiziert ein silbernes Taschenmesser und gibt es mir. Es lassen sich zehn oder acht kurze Klingen aus ihm ziehen. Alles ist selbstverständlich. Ich reiße mir einen drei Zentimeter langen Schnitt in die Außenseite der linken Hand. Sie zieht einen Schuh aus; schnippelt über dem Knöchel. Bei mir kommt das Blut zuerst und überschwemmt die Schnittkanten. Jetzt bei ihr. Sie beugt sich über meine Wunde und leckt das Blut ab. Mit dem Finger fische ich etwas von ihrem Knöchel. Es schmeckt nach nichts. Was werde ich getan haben? Ich denke, sie schweigt mehr als ich, sie ist versunkener, besser aufgehoben. Wahrscheinlich unterscheidet uns, dass ich jetzt denke. Ich schließe die Augen und höre den Straßenverkehr. Andere gehen an dieser Stelle mit offenen Mündern aufeinander los. Es ist kühl geworden, und wir kauern uns aneinander.

 

Von dem Traum, den ich hatte, weiß ich nichts. Das verdanke ich einer Göre im Vorschulalter, die uns weckt, weil sie immerzu plärrt "Das macht man nicht". Im Hintergrund zählt ihre Mutter die Maschen. Für sie sind wir nicht da. Sie ist der Typ, der lächelt, wenn wir gehen. An sowas überhaupt denken zu müssen! Unsere dummen Gesichter scheinen sich auf das des Mädchens zu übertragen. Sally gibt ihr einen Tritt, und sie heult fort. Obwohl Sally sagt, dass sie es eilig habe, zur Arbeit, in die Küche zu kommen, gar schon zu spät sei, bleibt sie stehen, schaut sich um, mich an, nickt und geht grinsend weiter. Auch ich spüre, dass es sich, bei aller Eile, nicht schneller geht. "Wir werden uns an diesen Tag nicht erinnern", sagt sie, "wir werden ihn für den kommenden Tag halten." Sie meint das eher als Bitte. Ich umarme sie, und sie schmiegt ihren Kopf in meine Achselhöhle, bis zur Ubahn Richtung Ruhleben. Ein Selbstgespräch in Englisch führend stolpere ich nach Hause.

 

Ohne Schlaf, ist an Schlaf nicht zu denken. Dauernd fällt mir etwas aus der Hand. Ich habe nichts, keine Anschrift, keine Nummer von ihr. Komme nicht, wohin auch?, von diesem Küchentisch hoch. Tattergreis. Was ist, sprengt auseinander.

 

Wie sehe ich sie wieder? Es gab nur den Augenblick, und keinen Gedanken an den nächsten. Ein schwacher Trost, unter zwei Millionen. Ich fragte "Welche Farbe hat Berlin?" Sie sagte "Grün". Ich muss sie finden. Ich sehne mich nach einem Zustand, den sie mir verspricht. Möglicherweise nannte ich, was ich ersehne, früher Petra, Helene, Gisela, Irene, Charlot undsoweiter. Einmal nannte ich es Grüner Füllfederhalter. Ein anderes Mal Renault 16. Ganz zu schweigen von der Südsee. Meistens sehne ich mich, weil selten alles da ist. Ich nenne diese Zustand Sally. Nahezu glücklich über diesen Anflug eines Gedankens, und schon reißt mir das Küchenmesser beim Zitroneschneiden einen Finger auf. Blut!

 

Nach einem Traumtee lassen die Zuckungen nach, der Tolpatsch geht.

 

Ich bin verschmiert. Habe ihren Lippenstift vom Ohr aus über die Wange gestrichen. Rot am Hemdkragen. Ich waschs nicht ab. Hemd aus der Hose, Blut darauf. Ich werde nichts verändern. Gerötete Lidränder, die Augen in die Höhlen gesunken. Ich bin mein Stamm, wer trommelt mit mir, während Fela Kuti singt?

 

 

© Bodo Morshäuser