Ein kurzes Gespräch über das Buch "Volk, Volksgemeinschaft, AfD" von Michael Wildt

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Ein kurzes Gespräch über das Buch "Kapuzenmänner" von Tanjev Schultz und Frederik Obermaier

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Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Bücher

Alle Tage

Gedichte

Bodo Morshäuser, Alle Tage

Rotbuch Verlag, Berlin

72 Seiten, Kartoniert

ISBN 3-88022-212-6

 

 

"Es sind Berliner Gedichte, aber nicht im Sinne von Günter Bruno Fuchs oder Thomas Brasch: Sie sind geprägt von der genauen, ja intimen Kenntnis eines Milieus, der Westberliner Rock- und Drogenszene, das - abgesehen von seiner schnellen Vermarktung in Illustriertenromanen- in unserer Literatur noch nicht vorkommt ... In den am besten gelungenen Texten des Bandes verdichtet sich die Hoffnungslosigkeit zur Kunstleistung - und gibt damit Anlass zu neuer Hoffnung: die poetische Beschreibung des Elends ist der erste Schritt zu seiner Überwindung."

Hans Christoph Buch

 

 

Blues in der Mittagspause

 

Er kommt herein

zieht die Haare aus dem Gesicht

und hat sie mit einem streifenden Blick

als "seinen Typ" erkannt.

 

Sie schaut ihm interessiert zu

(was er sieht) und geht mit der Zigarette

auf den Aschenbecher los, als dieser

streifende Blick von ihm kommt.

 

Er ruft dem Kellner seine Bestellung zu

und schaut auf das Fenster zur Straße

auf dem er sie in Ruhe betrachten kann

(was sie auf einem anderen Fenster sieht).

 

Auch sie bestellt einen Weinbrand

und schaut auf eine andere Fensterscheibe

in der er gut beleuchtet sitzt

(was er längst weiß).

 

Er entdeckt nach dem dritten Weinbrand

ein näher gelegenes Fenster, in dem sie

ausführlicher sitzt (was sie nicht weiß)

und mit Streichhölzern kämpft.

 

Sie zahlt zwei Bestellungen später

drückt die letzte Zigarette aus

und verlässt das Lokal

durch alle vorhandenen Scheiben.

 

 

Abflug am Morgen

 

Licht durch die Vorhänge, dort

stand die Reisetasche, nun schwebt sie

mit dir über den Wolken. Du bist abgeflogen

am Morgen vor deiner Ankunft, wie immer.

Sehnsucht davor und Sehnsucht danach. Du?

Kamst und gingst, färbtest in der Zwischenzeit

die Haare und warst aufs neue dieselbe Eine.

Keine Erinnerung an ganze Jahre, nur Ankunft

oder Abschied, das sind die haltbaren Gefühle.

Hier die Reste unseres letzten Frühstücks -

ich werde abwaschen, Gläser und Tassen

in die Reihe stellen für das nächste

mit dir, nein mit dir, egal - Konfetti,

der ganze Flitter gestanzt aus einem Bogen.

Das reicht für keine Liebesgeschichte,

das reicht für keinen Mord. Da

taucht deine Maschine im Nebel weg.

 

 

Tolstefanz, Sächsische Straße

 

Woher sie kam, wohin sie ging?

Sie wartete aufs Morgenblau

im großen Fenster

weißes Pulver in den Taschen

wir teilten was wir hatten

von Mitternacht bis Vier

waren sprachlos krank

genossen kaum und litten auch nicht

 

 

Gehen durch Filme

 

ist unser Zustand

wie aus dem Leben gegriffen

wenn ein Film abläuft

vor dir und mir und wir

wieder zur Zuschauer sind

und weiterhin warten

auf die Bilder

von der einfachen Macht

über uns selbst

und weiterhin warten

auf den Film

den wir fleißig versäumen

 

 

 

(c) Bodo Morshäuser

 

weitere Gedichte:

Musik der Scherben

Gemeinsam einsam

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Sonntags im Park

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Kampf um keine Macht

Brief aus Berlin

Orte des Geschehens