Ein kurzes Gespräch über das Buch "Volk, Volksgemeinschaft, AfD" von Michael Wildt

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Ein kurzes Gespräch über das Buch "Kapuzenmänner" von Tanjev Schultz und Frederik Obermaier

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Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san im Morgengrau
Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Erzählungen

Mord in Caracas

 

Manchmal besuche ich Volker, den die Firma hergeschickt hatte. Man erfährt hier nicht viel. Europa ist weit weg, Düsseldorf erst recht. Wenn nicht gegenteilige Beweise vorlägen, könnte man denken, Europa existiere gar nicht. Sympathisch an Volker ist mir, dass er sich nicht in der deutschen Kolonie, die aussieht wie deutscher Wohnungsbau, eingemietet hat. Er bewohnt den oberen Teil eines Häuschens in Vista Alegre. An jenem Abend führte er den Gästen seine neue Quartzanlage vor; mehrmals hörten wir die Vier Jahreszeiten. Als zwei Männer und zwei Frauen, offenbar aus den Barrios, kamen, redeten die Italiener, Amerikaner und Deutschen nicht mehr so fließend spanisch wie zuvor. Die vier setzten sich vor die Lautsprecher. Coco, der Älteste, sagte, dass er die Musik wunderbar fand, sie aber nicht ein zweites Mal hören wollte. Im Radio fanden sie einen Merengue und tanzten; wir schauten ihnen zu. Für manche war der Abend jedoch beendet. Erst saßen sie ängstlich, dann müde in den Polstersesseln; die ersten gingen. Es stellte sich heraus, dass auch Volker die vier nicht kannte. Er dachte, es wären meine Freunde, ich dachte, es wären seine gewesen.

 

Ich fuhr Coco und seine Kinder ins Barrio zurück, das am Ende der Avenida Boyace, oberhalb der Satellitenstadt La Urbina, liegt. An einer bestimmten Stelle musste ich von einem Autobahnzubringer abweichen, über einen Acker fahren und vor einem Holzverschlag mit Stacheldraht halten. Coco öffnete das Tor und führte mich in eine Ruine oder Höhle, in der Kerzen brannten. Hätte man alle Skultpturen, die dort standen, rausgetragen, wäre außer der Kochstelle fast nichts mehr dagewesen. Jahrhundertealtes verwittertes Gestein hält das Haus zusammen, blankgemeißelte Steine standen im Kontrast davor. Sie hatten einen Fernseher, aber nur eine Matratze. Manche Schliefen auf dem Sandboden. Wir rauchten Gras. Die Kinder tanzten. Zum Schluss wollte Coco meine Telephonnummer nicht. Ich sollte ihm beschreiben, wo mein Haus lag. Ich beschrieb, er verstand. Im Radio kam schon wieder I just call to say I love you. Ich drehte es aus und raste, dazu verdammt, jene Melodie zu pfeifen, über die Avenida Boyaca nach Hause.

 

Wenige Tage später stand er mit einem kleinen Stein auf dem Arm vor meiner Tür. Ich zeigte ihm das Haus. Er klopfte gegen die Wände und Türen und zählte auf, was er mir alles besorgen könnte. Viel mehr interessierte mich sein Zuhause. Es war noch hell, wir rasten die Avenida Boyaca zurück, betrachteten El Marqués und Los Palos Grandes rechts unter uns, und fuhren um ein riesiges Stadion herum, das nicht weitergebaut wurde, weil Caracas auf die Panemerikanischen Spiele verzichten musste. Seit Jahren ist die ehemals reichste der Städte arm. Wieder hoppelten wir über den Acker. Sein Haus liegt zwischen zwei Autobahnkreuzen. Wie in den offengebliebenen U-Bahn-Schächten sind auch hier die Kräne stehengelassen worden. Der Holzverschlag war aufgerissen. Mit einer Latte huschte Coco vorneweg. Skulpturen und Steine waren umgestoßen. Er fluchte nicht lange.

 

Er erzählte, dass er in diesem Haus aufgewachsen war. Dass er dieses Haus verteidigen würde, bis seine Kinder es selber verteidigen könnten. Er buddelte unter der Kochstelle, immer hektischer, und fluchte wieder. Sie hätten sein Geld gestohlen. Carlo will uns vertreiben, sagte er, will seine Autowerkstatt nebenan vergrößern, seine Autowerkstatt!, verstehst du? Ich kann das nicht ansehen. Gehen wir.

 

Ich wollte was zu rauchen haben. Wir fuhren an den Rand eines anderen Barrios. Dort wartete ich genau in der Zeit von fünf vor sieben bis zehn nach sieben, wenn es dunkel wird. Zwölf Stunden Nacht sind nur gerecht nach zwölf Stunden solcher Helligkeit, dachte ich im Auto. In den Hütten flimmerten Fernsehbilder. Coco sagte, es gäbe nichts. Er wollte an einen bestimmten Ort gefahren werden. Auf einer Anhöhe stiegen wir aus. Er sagte: Hier präsentiert sich die Landschaft, das Tal von Caracas. Wir blieben eine Zigarettenlänge, und zum ersten Mal spürte ich eine Einigkeit mit ihm, die nach keinem Wort verlangte. Ich betrachtete die sich präsentierende Landschaft. Die Sicht war klar. Acht Millionen unter uns. Weit hinten stiegen die Lichter an, hoben ab, gingen in den Sternenhimmel über. Als stünden wir am Rand des Sonnensystems und blickten auf ein anderes. Das sind die Lichter des Hotel Humboldt, sagte Coco. Wir fuhren Umwege. Er kontrollierte, ob manche Häuser noch leerstanden. Er wollte bei mir übernachten. Ich gab ihm den Schlüssel für die Casita. Vorher zog er vier kleine Päckchen aus seinem weißen Overall und gab mir zwei. Es hat also doch was gegeben. Nein, das ist für solange, bis es wieder was gibt.

 

Am Morgen gingen wir gemeinsam zum Supermarkt. Die Menschen in dem vornehmen Las Palmas, wo ich wohne, haben Angst vor Coco. Sie sehen ihm an, dass er aus den Bergen ist. Sie halten ihn für ein Tier, und ich verstehe diesen ersten Eindruck. Anfangs machten mir Leute aus der Firma einige Schwierigkeiten. Dass mich als Fremden die Einheimischen interessieren, ist für die meisten Kollegen ein Hinweis darauf, dass mit mir etwas nicht stimmt. Es gilt als gefährlich und unfein, sich mit Einheimischen einzulassen. Man hat sich zwischen Büro, deutscher Kolonie und Country Club zu bewegen, wo man Golf spielen und plaudern oder am Swimmingpool sitzen und plaudern kann. Im Country Club traf ich vor allem Menschen, die in ihren Ländern nicht mehr zurechtkamen, und die hier nur in den Ausländergettos zurechtkommen, dazwischen das von innen gesicherte Auto. Die Feste der Deutschen hier enden immer wieder als weinerliche Heimatabende. In Vista Alegre, wo Volker wohnt, läuft er nicht Gefahr, vom Deutschen beseelt zu werden. Im Berufsverkehr, der nur nachts nachlässt, braucht er eine Stunde, um über die verschiedenen Autobahnen El Marqués zu erreichen, während die aus der deutschen Kolonie nichtmal die Stadt sehen, wenn sie zum Büro rüberhuschen. Dort freilich wagen sie einen Blick aus dem vierzehnten Stockwerk und blicken auf die Stadt, in der sie zu sein meinen, und beobachten die Maschinen, die das Aerodromo de Miranda anfliegen, das mitten in der Stadt zwischen mehreren Autobahnen liegt. Als ich Coco einmal diesen Ausblick zeigte, sagte er noch wochenlang: Da bin ich geflogen.

 

Nur schwer kann ich mitteilen, was mich zu Coco brachte. Es war Coco selbst, die Summe seiner Worte und Taten, die ich wohltuend neben mir empfand. Vielleicht treibe ich als normalzerrissener Europäer auch nur Studien über den angeblich der Vergangenheit angehörenden ganzen Menschen. Wie soll ich das mitteilen? Zum Beispiel: Volker fragte Coco in der Küche, was er von Beruf sei, und Coco sagte: Ich bin Koch.

 

In den folgenden Monaten brachte er Steine ins Haus und hämmerte. Monatelang aß ich nicht allein. Die Kinder kochten und brachten Freunde mit. Sie konnten mein Haus benutzen, ich bekam lokale Kenntnisse. Im Garten standen jetzt Skulpturen. Einmal habe ich Coco für ein paar Leute aus der Firma kochen lassen. Viele saßen zum ersten Mal mit Caracenern zusammen. Sie waren ängstlich und tauten erst auf, als die Kinder im Garten, zwischen den Steinen, tanzten. Coco wurde eine Art Hausmeister bei mir. Ich brauchte mich um keinen der kleinen zeitraubenden Defekte zu kümmern. Als ich ein halbes Jahr an der Grenze zu tun hatte, wo die Pipeline durch Guerillagebiet führen soll, und alle vierzehn Tage einmal nach Hause kam, saß er im Garten, hämmerte, wir rauchten und redeten. Im Garten war kein Platz mehr. Einige Steine waren nun in der Sala plaziert. Er erklärte mir, wo er die Steine herholte. In dieser Schönheit findet man sie nur tausend Meter höher. Deshalb brauchte er ab und zu den Rover.

 

Sein Haus konnte nicht mehr unbewacht bleiben. Carlo hätte es besetzt. Die Bewachung, die Kundgebung von Anwesenheit, übernahmen die Kinder und ihre Freunde. Als ich endgültig von der Grenze zurückkehrte, aßen wir mit Luisa, seiner neuen Freundin, die ihre Kinder, meistens Maria und Sulai, mitbrachte. Coco und Luisa wohnten nun in der Casita. Das einzige, was mich daran störte, war, dass Coco nicht mehr um seine Ruine kämpfte wie früher, als wir wochenlang von Amt zu Amt zu gefahren sind, um die Ruine entweder als sein Eigentum oder als Denkmal eintragen zu lassen. Wenn ich von der Ruine redete, redete Coco von was anderem oder sagte höchstens: Meine Kinder brauchen mich nicht.

 

Erst als ich ihm sagte, dass ich in einem halben Jahr nach Deutschland zurückfahren würde, lenkte er nicht mehr ab. Dann komme ich mit, sagte er. An diesem Abend wollte er nicht mit mir rauchen. Er schlief auch nicht in der Casita, sondern verließ um Mitternacht zu Fuß das Haus. Luisa blieb allein. Ich rückte Steine zur Seite und trank auf der Terrasse eine Flasche Wein. Schlief dort ein. Zwei Tage später fand ich ihn in der Ruine und schaute ihm beim wütenden Aufräumen zu. Coco wollte nicht mit mir sprechen, sagte: Du kommst zu früh, und stellte alle Steine um.

 

Lass uns ausfechten, wer hier Hausherr ist, rief er zu Carlo rüber. Ich bin der Präsident, rief Carlo. Der Präsident muss sich mit dem Präsidenten der anderen Seite duellieren, damit man weiß, welcher von beiden sich Präsident nennen darf, rief Coco. Willst du immer noch Präsident werden? Ja, rief, Carlo, Coco lachte breit, hörte mit dem Aufräumen auf und drehte eine Tüte aus Packpapier. Wo, fragte er. Begleitet von Lachen seiner Freunde rief Carlo: Im Centro Comercial Cuidad Tamanaco. Ich lachte, Coco schaute ernst. Er kannte das CCCT, das vielleicht pompöseste Kaufzentrum der Stadt, nicht. Und doch rief er sein O.k. hinüber. Drüben drehten sie I just call to say I love you auf.

 

Ich fragte Coco, ob er verrückt sei. Er sagte nur: Ein Duell ist gerecht. Um welche Zeit denn im CCCT, rief ich. Mittags um zwölf, brüllten die drei nach kurzer Beratung. Wann, fragte Coco. Wann du willst, sagte Carlo. Wann du willst, sagte Coco. Wir fuhren zu mir. Die Kinder und Luisa kamen wieder zum Essen. Coco sagte, er hätte kein Geld. Ich schlug vor, ihm Steine abzukaufen. Die Steine verkaufe ich nicht! Dann übergab er mir feierlich vier Steine, nahm das Geld und legte einen fünften dazu. Einer muss geschenkt sein, Amigo!

 

Ich habe Volker alles von mir und Coco erzählt, weil der Friede mir manchmal unheimlich wurde. Ich bin mit Volker einig, dass ein Weißer, der sich um die Freundschaft eines Indios bemüht, anbietet, was er entbehren kann, neben seiner Freundschaft. Das Problem schien mir zu sein, dass Coco durch mich heimatlos werden könnte, wenn er weiterhin mehr bei mir als bei sich sein würde. Volkers Skepsis brachte die Spekulation auf, dass der Einbruch inszeniert gewesen sei, da Coco direkt vorher zu mir gekommen war. Er sagte auch, dass ich jenen Carlo selber nie gesehen hatte und somit alles mögliche denkbar sei. Ich sah den Grund nicht, warum man mir einen Carlo vorspielen sollte, war Volker für seine kühlen Betrachtungen jedoch dankbar.

 

Nun wollte Coco über mein Weggehen sprechen. Ob wir vorher einmal zusammen verreisen könnten. Ich hätte ihn gern an die Grenze mitgenommen, hätte aber unseren hochsensiblen guerillageplagten Technikern nicht klarmachen können, dass jemand wie Coco zu mir gehörte. Die hätten ein S.O.S.-Telex nach Düsseldorf geschickt. Wir phantasierten gern vom Amazonas und wussten, dass es beim Phantasieren bleiben würde. Coco kam dann seltener zu mir, was ich richtig fand; das Falsche war, dass er mir, wenn wir uns sahen, stumme Vorwürfe machte. Seine Mimik hatte sich verändert. Amigo, das war jetzt nur noch das Wort. Wir wussten es beide, und wir trennten uns nicht.

 

Bei einer unserer nächtlichen Autofahrten hielten wir bei Luisa. Vier Hunde begrüßten uns. Luisa und ihre Kinder, die nicht alle ihre Kinder sind, bauen und töpfern, was am Markt von Petare verkauft werden kann. Luisa führte mich durchs Haus. Ich grüßte in acht oder zehn Zimmer, in einem lief I just call to say I love you. Wer mitarbeitete, durfte hier wohnen. In der Küche tranken wir mit Luisa und Maria Kaffee, den die sechsjährige Sulai mit unglaublichem Stil servierte. Luisa holte mehrere Schalen und Teller mit Blütenmotiven, da ich gesagt hatte, ich brauche ein Geburtstagsgeschenk für Volker. Ich zeigte auf die Schale, in die eine Guanabana, meine Lieblingsfrucht, gemalt war. Maria, zehn Jahre alt, die die Keramikwerkstatt leitet, erhob Einspruch. Ich hielt sie für ein schlaues Geschäftsmädchen und nannte eine höhere Summe. Ein anderer Preis jedoch hatte nichts mit ihrer Entscheidung zu tun. Du kannst nicht alles kaufen, sagte Coco. Jedoch lachte er dabei nicht, wie er es früher getan hätte. Ich nahm zwei Bergmotive auf Holz und ging, von vier Hunden begleitet, zum Rover. Coco ließ auf sich warten und sagte im Auto kein Wort.

 

Bei Volker saßen wieder Deutsche, Amerikaner und Italiener. Coco alberte in der Küche mit Volkers Dienstmädchen. Ich ließ mich vor den Lautsprechern der Quartzanlage volllaufen, bis ich gewiss war, keinen Schlüssel in ein Zündschloss zu bekommen. Vor der Anlage wurde ich auch wieder wach. Am Morgen war ich mit Volker allein. Er hatte die Veränderung zwischen Coco und mir bemerkt. Ich habe kein gutes Gefühl, sagte er. Der Einbruch, das Duell, seine Launen, alles gilt nur dir, sagte er. Wir spekulierten bis in den Nachmittag hinein, bis zu den Diensten und den Guerilleros. Coco kam nicht mehr zu mir, ich war dreimal bei ihm, er wollte Geld und sagte wenig. Luisa kam in der Hoffnung, Coco bei mir anzutreffen. Sie hat mir auch die Nachricht überbracht, dass das Duell heute mittag um zwölf Uhr im CCCT, wo ich schon seit Stunden sitze, stattfinden wird.

 

Ebenso wie die U-Bahn ist das Centro Comercial Cuidad Tamanaco mit italienischem Marmor verkleidet. Wie fast alle Kaufzentren sieht es von außen wie ein Parkhaus aus. Nur zweimal bin ich hier gewesen. Einmal, um am Vorabend des Abflugs das Check-In zu besorgen, ein anderes Mal, um gemeinsam mit Volker in der Kellerdiskothek La Luna einen der besten Saxophonisten der Stadt zu hören. In den Pausen hielt er das weiße Stofftaschentuch unter der Nase, so sah man die weißen Krümel darauf nicht. Das CCCT ist vierstöckig, um einen Innenhof türmen sich die Etagen wie Ränge auf. Jede Etage hat die Höhe zweier gewöhnlicher. Dies ist die caracenische Art, der Tatsache zu trotzen, dass hier Erdbebengebiet ist. Vor einer Spiegelwand bewegen sich vier Rolltreppen. Das CCCT ist Theater. Balustraden aus Holz und sparsam eingesetzter dunkelroter Samt sind die Kontraste zum glänzenden Marmor und zum Glas. Die Treppen sind zu niedrig für Menschen wir Volker und mich, und Volker sagte: Das ist die eingebaute Verbeugung vor dem Architekten.

 

Seit kurzem sitzen drei junge Männer gegenüber im dritten Rang auf dem Geländer. Zwei Polizisten verbieten ihnen, auf dem schmalen Holz sitzen zu bleiben. Sie sind nicht uniformiert, tragen Pistolen und Sprechgeräte. Die Männer drücken sich nun vor den Geschäftsauslagen herum. Einer hält immer den Blick nach unten. Der Name Carlo wird genannt. Ich habe das Glück, in einer Art Loge, ganz oben, zu sitzen. Man sieht mich nicht. Ich beobachte durch Ritzen und Löcher im Ornament des Holzgeländers. Bei Coco und Carlo ist inzwischen eingebrochen worden, sagte Luisa. Beide denken, der andere sei es gewesen. Auch bei mir ist eingebrochen worden, und ich habe mir auch meinen Teil dazu gedacht, und Volker erst recht. Nur die Stereoanlage und der Büroschlüssel fehlten.

 

Ich frage mich, wie Coco hier überhaupt herkommen will. Um ohne Auto ins CCCT zu kommen, muss man mehrere Autobahnkreuze über- und unterqueren. Ich sehe Luisa und Maria. Sie gehen unschlüssig, suchen etwas und scheinen das Gesuchte nicht zu finden. Sie haben sich schick gemacht. Die Farbe von Marias Kleid ähnelt dem hier sparsam verteilten Rot. Auch im ersten Rang finden sie nicht, was sie suchen. Wenn sie aus meinem Blickfeld sind, sehe ich sie noch in den Scheiben des zweiten Rangs. Aus den den drei Jungen gegenüber im Dritten sind vier geworden. Um den vierten, offenbar ist es Carlo, scharen sie sich. Sie fummeln an seiner Kleidung, klatschen ihm ins Gesicht. In einer Loge darüber sitzen nun Luisa und Maria. Carlo atmet wie ein Boxer in der Ecke. Es ist fünf vor zwölf.

 

Ich bin nicht unschuldig an Cocos Weg hierher, und meine Erregung ist mehr als eine Spannung. Ich schaffe es nicht, nur Zuschauer zu bleiben. Die Rolltreppe hinab kommt Coco. Er trägt den weißen Overall, hat ein großes Jackett drübergezogen. Unruhig fasst er an seine rechte Seite. Unten lässt er sich auf dem Rand eines Blumenkastens nieder. Schaut hoch. Luisa winkt. Raucht. Hinter ihm fährt Carlo hinab. Er geht an Coco vorbei auf die andere Seite. Die Polizisten haben weiterhin die drei Männer im dritten Rang im Auge. Ein Polizist beugt sich hinab. Nun stehen sie wie verabredet gegenüber, schauen sich, über dreißig Meter, in die Augen. Der Zentrallautsprecher bringt I just call to say I love you. Beide tragen große Jacketts.

 

Unten herrscht noch das übliche Geschäftstreiben. Seit sie sich in die Augen schauen, werden sie bemerkt, die Menschen gehen nun nicht mehr über die Linie, die die Blicke der beiden bilden. Sie haben die rechten Jacketthälften hinter die Halfter geklemmt. Der Polizist gegenüber winkt den anderen zu sich. Sie schauen auf die rechten Hände der beiden, deren Daumen locker unter den Gürteln klemmen. Sie ziehen die Daumen aus den Gürteln und bringen sie langsam in die Nähe ihrer Waffen. Die Blicke sind ineinander verbohrt; sie sind von höchster Wachheit und größter Abwesenheit zugleich. Einer hypnotisiert den anderen und wird selber hypnotisiert. Selbst die Zuschauenden befinden sich in diesem unausweichlichen Kreislauf. Die Polizisten lehnen mit aufgerissenen Augen auf dem Geländer.

 

Carlo und Coco zucken zur gleichen Zeit. Jedes Schießen ist feige, dieses, man sieht es, ist gerecht. Jedoch fallen drei Schüsse. Beide knicken ein, keiner steht auf. Maria rennt davon, Luisa bleibt sitzen. Die Polizisten stürmen nach unten. Andere kommen hinzu. Sie schleifen sie hinter einen Vorhang. Ich werde meine Abreise verschieben.

 

 

(c) Bodo Morshäuser