Fuji-san erwacht
Fuji-san erwacht

Gezielte Blicke

Leseprobe

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Wir schlichen unter Zeidlers offenen Fenstern in den Hin-

terhausflur, wo unsere Roller standen. Unser Wohnhaus war
eines in der letzten Reihe oder in der ersten, mit der die
Trümmerfelder endeten oder begannen. Kamen wir aus dem

Hof heraus, so war rechts eine Einkaufsstraße, und links war

Kriegsende. Wenn wir nach Westen blickten, konnten wir

durch die Stadt hindurchschauen. Eine Häuserreihe war die

Ausnahme, die Lücke zwischen den wenigen stehengebliebe-

nen Häusern war die Regel. Bevor das Bauen begann, füllte

man die Häuserlücken an den größeren Straßen mit zusam-

mengezimmerten Baracken auf, in denen Geschäfte Unter-

kunft fanden, deren Warenangebote mehrere Branchen zu-

gleich abdeckten. "Brückenstübl" hieß die Barackenkneipe

unserem Haus gegenüber. Wir rollerten Richtung Kriegsende,

bis zur Brücke, überquerten sie dieses Mal, und wenn wir uns

nicht umdrehten, sahen wir nun kein Haus mehr. Um zum

Tiergarten zu kommen, der vor uns lag, mußten wir ein

Sandfeld durchqueren, an dessen Rand ein halbrunder

Ruinenrest den früheren Straßenzug der Potsdamer
Straße noch erkennen ließ, die nun dort endete, wo die
Straßenbahnfahrer Pause machten, in einer Sackgasse vor
der Mauer, unter der die Gleise weiterliefen. Wir spielten
auf diesen verlassenen Feldern, Sandkästen in der Größe eines

Stadtviertels, oder auf den ersten Baustellen, wo täglich
Blindgängerbomben gefunden wurden. Die verlassenen Fel-
der wurden auch von Menschen durchquert, die sich keine
Fahrkarte leisten konnten. Manche waren mit soviel Gerüm-
pel beladen, daß wir dachten, sie zögen zu Fuß um.

 

Kurz zuvor hatten Rüdiger und ich einander abgefragt, wer

uns lieber sei, der alte Zeidler, die alte Krause oder der junge
Stübbe. Die Antwort war einstimmig: der junge Stübbe. Er
wohnte in der Wohnung über Zeidler und lächelte uns je-
desmal an, wenn er die Treppen im Aufgang herunterge-
sprungen war und mit langen Schritten durch die Torein-
fahrten nach draußen rauschte, immer mit einer Tasche in

der Armbeuge. Er war Tänzer an der Deutschen Oper, und

ihn betrachtend wünschte ich, später einmal ähnlich auszu-

sehen. Er war der erste, der englisch mit uns sprach. Es
machte uns und ihm nichts aus, daß alles erfunden war.

Ging ich mit Rüdiger dort, wo die Menschen waren, umher,

taten wir immer öfter so, als sprächen wir englisch; wie Kin-

der es in allen Jahrzehnten zu allen Jahreszeiten tun - wenn

der Wille das Wissen überflügelt und verrenkte Äußerungen
hervorbringt, übertrieben, mutig und unverschämt; gleich-

gültig dagegen, durchschaut zu werden.

 

Innerhalb einer Minute wurde aus dem Wind ein Sturm.

Vom Boden stoben Sandwirbel in die Höhe. Unsere Straße,

von der wir kamen, die Ruine seitlich und der Tiergarten

vor uns, zu dem wir hinwollten, waren nicht mehr zu erken-

nen. Entfernte ich mich mehr als zwanzig Meter von Rüdi-

ger, so sah ich ihn nicht mehr. Wir riefen unsere Namen

und orientierten uns so. Ich schob meinen Roller neben mir

her und hielt mich doch eher an ihm fest.

»Hier entlang«, sagte ich.

»Nein, da entlang«, sagte Rüdiger.

 

Keiner wußte, wo entlang es zum Baumsaum des Tiergar-
tens ging. Kein Blick in eine Richtung unterschied sich von
einem Blick in eine andere Richtung. Die Winde waren lau-
ter als der Straßenverkehr. Aus Angst, daß mich jemand
wegfing, drehte ich mich ununterbrochen um, und als ich
merkte, daß es trotz jeder Drehung jedesmal ein Hinter-mir
gab, ging ich in Kreisen weiter, darauf konzentriert, einen
Fremden zu sehen, bevor ein Fremder mich sehen würde.
Auf diese Weise verlor ich Rüdiger aus den Augen. Und ich
hörte ihn nicht mehr. Nichts war lauter als der Sturm. We-
gen der Sandkörner war mein Ummichschauen ein Blinzeln
mit weit offenen Augen. Alle Himmelsrichtungen sahen aus

wie eine.

 

Nichts zu sehen außer Sand, nichts zu hören als Sturm.

Ich setzte mich aufs Trittbrett und versuchte durch die
Trümmerfeldsandstürme hindurch zu schauen auf Kontu-
ren. Nichts. Dann ließ ich den Roller nach hinten wegkip-
pen und setzte mich auf den warmen Boden.

 

Sie gingen vor mir auf und ab. Ihre Stimmen hatte ich vor-
her nie gehört. Sie bewegten sich, als befänden sie sich nicht
in einem Sturm, und sie radebrechten, als lernten sie soeben
sprechen. Alle gleichzeitig und wie mit einer Stimme. Ergeb-
nis war dieses Rauschen und Tosen.

 

»Wofür habe ich mein Bein gelassen? Dafür, daß ich jetzt
als Monster umherwandle und den Kindern Angst mache?«

Ein Straßenbahnschaffner, der sich an der Endhaltestelle vor

der Mauer, unter der die Gleise weiterlaufen, eine Juno an-
zündete, sagte: »So sinnlos wie ich hin und her fahre, so
sinnlos paffe ich an jeder Endhaltestelle eine Wolke in den
Himmel. Und doch, dies scheint der Sinn zu sein.« Manche
waren tief in Gedanken und schwiegen. Redeten sie, sagten
sie Formeln wie »Was sein muß, muß sein«. Eine Dame im
Pelzmantel sagte: »Ich lächle, weil ich mir jetzt nur noch
Schönes vorstelle.« Daraufhin sagte der Humpelnde, er
humple, weil er einen sentimentalen Moment lang in die
reizenden Anhöhen um Leningrad versunken war und nicht
auf die feindlichen Stellungen geachtet habe. »Mir egal, so-
lange Sie sich an die Regeln halten«, sagte der Polizist.

 

Nun gefiel es mir, nicht das zu sehen, was sowieso zu se-
hen war, sondern etwas anderes. Sie gingen alle in Richtung
Brücke. Ich winkte ihnen zu. Sie bemerkten mich nicht. Aus
dem Plaudern war ein scharfes Sprechen geworden. Sie
nannten Paragraphen und sagten die Wörter »damals«, »Un-
recht« und »Jetzt«. Der Humpelnde schlug die Frau im Pelz-
mantel mit einem trockenen kurzen Haken nieder. Der
Straßenbahnschaffner ging auf den Humpelnden los. Der
Polizist wollte weglaufen, verschwand jedoch im weiten Um-
hang eines Amputierten, der daraufhin im Sand unsichtbar,
vielleicht selber zu Sand wurde. Niemand mehr da, nur
Sand und Sturm.

 

...

 

 

© Bodo Morshäuser