Aus den Seemann-Papieren

Der Dealer und die Hure

Meine Besuche bei ihm liefen immer gleich ab. Ich zog die Schuhe aus und setzte mich auf die Matratze am Boden. Wir hörten Musik und zogen an Tüten. Zum Schluss fischte er eine dunkelbraune Platte aus dem Brotkasten neben der Matratze, schnitt ein Stück ab, hängte es an die Waage und sagte, heute sei ich besonders gut bedient. Ich bedankte mich und zischte ab. So ging das Jahr um Jahr.

     Damals wohnte er mit Ufo zusammen, einem U-Bahn-Zugabfertiger. Sie teilten sich eine Vier-Zimmer-Wohnung in der City. Eines Tages zog Seemann bei ihnen ein; manchmal hatten mein Dealer und er Streit, und nachdem die beiden sich einmal hart geprügelt hatten, begann eine dicke Freundschaft. Ein paar Jahre später zog mein Dealer da aus, der Grund war eine Blondine, die schon monatelang auf seiner alten Matratze gelegen hatte, ganz als gehörte sie zu ihr. Hasch bekam ich jetzt in der neuen Wohnung der beiden, die in einem anderen Bezirk und seltsamerweise gleich neben meinem Kindheitshaus lag.

     Die Schuhe auszuziehen war weiterhin Pflicht. Nur saß ich jetzt in einem Ledersessel, der gut in die Wohnzimmer unserer Eltern gepasst hätte, und ein Fernseher lief. Der Aufstieg meines Dealers von der Bodenmatratze zum Bettgestell war verbunden mit einem kürzeren Haarschnitt, und seine Frau hatte aufgehört als Hure zu arbeiten. Ihr wuchs das Blonde aus den Haaren, und sie war nun Hurenberaterin. Ansonsten blieb alles beim Alten. Wir rauchten eine Tüte, er ging zum Brotkasten, schnitt ein Stück ab, hängte es an eine Waage, und am Ende sagte er, heute sei ich besonders gut bedient.