Und die Sonne scheint

Eine Erzählung

Über "Das Gefühl der Welt" von Heinz Bude

mehr

Tageslicht

ELF

Pizza Lamborghini

Unsere Pizzen waren groß wie Minigolfringe. Hielt ich ein Stück hoch, guckte ich durch den Teig und sah den Kudamm milde koloriert. Auf alten Familienfotos sitzen wir in der Badewanne, und ich sehe aus wie ein Spielzeug der sechs Jahre älteren. Das letzte gemeinsame Foto stammt vom Tag ihrer Konfirmation. Sie hat hochgesteckte Haare wie Elke Sommer in Und sowas nennt sich Leben, trägt das Kostüm eines anständigen Mädchens und sieht stolz aus. Ich habe einen grünen Cordsamtanzug an und blinzele. Wir stehen auf dem Ruinenfeld rings um die wiederaufgebaute Matthäi-Kirche, wo die Konfirmation stattfand. Meistens, wenn wir uns trafen, kamen wir auf die Nachkriegszeit, die unsere Jugendzeit war, oder auf den Krieg der Eltern zu sprechen. Es beschäftigte Irene immer noch, ob unser Vater jemanden im Krieg getötet hatte. Ich konnte diese Frage nicht mehr so ernst nehmen wie früher. Ich hatte Lust, sie zu provozieren.

 

Ist es wichtig zu wissen, ob er jemanden erschossen hat?

 

Ich finde schon.

 

Interessiert es dich genauso, ob er ganz knapp einem Schuss entgangen ist?

 

Ich will ja nur wissen, ob er Unrecht getan hat.

 

Willst du auch wissen, ob Mutti jemanden erschossen hat?

 

Die hatte doch gar keine Waffe.

 

Meinst du? Bist du dir sicher?

 

Wieso? Soll da was gewesen sein?

 

Naja, angeblich hatte sie keine Waffe. Mehr wissen wir nicht. Warum verdächtigst du ihn?

 

Ich verdächtige ihn nicht, ich würde nur gern wissen, dass er niemanden getötet hat, als Bestätigung sozusagen.

 

Und wenn du wüsstest, er hat jemanden getötet?

 

Eine riesige italienische Familie machte sich an einem riesigen Tisch breit und schickte die Kinder nach draußen. Dort röhrte ein weißer Lamborghini vorbei, dahinter ein silbergrauer Audi. Auf Fenstersimsen lagen Romane und Bildbände. Verbirgt sich Lust in dem Gedankenspiel, Tochter eines Mörders zu sein? Grauen? Kitzel?

 

Wenn ich wüsste, dass er jemanden getötet hat, dann hätte ich Klarheit, sagte sie.

 

Nach dem Umzug teilen wir uns ein kleines Zimmer. An ein Zusammensein in diesem Zimmer kann ich mich nicht erinnern. Sie ist schon siebzehn. Fotos aus dieser Zeit zeigen sie mit ihrer Freundin, oder mich allein. Wenn ihre Freundin kommt, gehe ich woanders hin. Sie zieht bald in eine Studenten-WG. Besucht sie uns, hört man von weitem den 2CV ihres Freundes um die Ecken schleudern. Er holt sie auch ab, betritt aber nie unsere Wohnung.

 

Ich frage mich manchmal, warum höchstens einer von hundert darauf kommt, dass wir Geschwister sind, sagte ich.

 

Das frage ich mich manchmal auch.

 

Ist das dein Ernst?

 

Na sieht man denn nicht, dass wir Geschwister sind? Ich finde, man sieht das.

 

Woran sieht man das denn?

 

Na an den Augen.

 

Und sonst?

 

Am Lächeln vielleicht.

 

Find ich nicht.

 

Doch. Man sieht es insgesamt, auch an der Ausstrahlung. Manche sagen, es sind die Augen, manche sagen, es ist der Mund, jemand sagte mal, er sieht es an den Augenbrauen.

 

Es ist so eine Frage wie die, ob der Vater als Soldat jemanden getötet hat oder nicht.

 

Wie bitte? Versteh ich nicht.

 

Deine Haare sind blond, meine dunkelbraun. Ich finde nicht, dass wir uns besonders ähnlich sehen. Meinst du, wir würden jemals erfahren, was wirklich Sache ist?

 

Wie? Möglicherweise sind wir gar nicht? Das ist doch nicht dein Ernst!

 

Ich meine, gegenüber jeder sogenannten Tatsache kann man den Verdacht hegen, dass alles anders ist, als man zu glauben sich angewöhnt hat.

 

Man kann sich zum Beispiel diesen Morgen im Badezimmer unserer Eltern, als sie gestürzt ist, auch ganz anders vorstellen, als er erzählt worden ist.

 

Wie denn?

 

Was tust du, wenn jemand bewusstlos im Badezimmer liegt?

 

Ich versuche zu helfen oder rufe einen Notarzt an.

 

Papi sagt, er hat den Hausarzt angerufen. Aber er hat ihn nicht erreicht.

 

Das hörte ich zum ersten Mal. Ich war darüber, dass er zuerst den Hausarzt anrief, genauso fassungslos wie darüber, dass ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte.

 

Wen hat er dann angerufen?

 

Dann hat er abgewartet und es noch ein paarmal beim Hausarzt versucht, aber der war immer noch nicht da.

 

Während Mutti bewusstlos im Badezimmer lag?

 

Ja. Und dann erst hat er die Feuerwehr angerufen. So sagt er es jedenfalls. Aber wer weiß.

 

Woran denkst du?

 

Wer weiß, was da wirklich passiert ist an diesem Morgen.

 

Was meinst du, ist passiert?

 

Das werden wir wohl nicht mehr erfahren.

 

Sie hatten gewendet, der silbergraue Audi kachelte vor dem weißen Lamborghini kudammabwärts. Unter dem großen Tisch nebenan verknoteten zwei Kinder Schuhbänder der Erwachsenen. Draußen fiel ein Fahrrad zur Seite. Der Kellner wischte Menus von der Tafel. Jetzt gab es nur noch Pizza und Salate. Wir redeten über was anderes.

 28. Juni 2016

 

 

Wenn Hitlers Hoden Politik machen

Politiker und ihre Berater achten peinlichst darauf, dass ihr persönliches Auftreten nicht mit sexuellen Konnotationen in Berührung kommt. Politik ist in aller Regel ein durch und durch entsexualisierter Bereich. Deshalb sehen wir reihenweise schlecht geschnittene Männerjacketts, deshalb tragen Politikerinnen meistens Hosenanzüge. Politiker verkleiden sich nicht, wie Schauspieler, für irgendeine Rolle. Politiker spielen die Rolle, sie selbst zu sein. Ihr höchstes Ziel ist es, authentisch rüberzukommen. Fällt einer oder eine von ihnen aus dieser Rollenzuteilung heraus, wirft das sofort Fragen nach der Seriosität ihrer Politik auf.

weiterlesen